„Es droht eine Rezession – und Europa ist besonders verwundbar“

Die italienische Top-Ökonomin Lucrezia Reichlin warnt vor den Folgen eines neuen Energieschocks – und erklärt, warum ausgerechnet Deutschland zum Bremsklotz im globalen Wettbewerb wird.

Frau Reichlin, die Weltwirtschaft zeigt sich gerade verwundbar wie lange nicht mehr. Wie groß ist das Risiko eines neuen globalen Energieschocks?

Das Risiko ist sehr real. Ich halte diesen Energieschock für etwas Besonderes, weil wir es aufgrund der Schließung der Straße von Hormus tatsächlich mit Mengenbeschränkungen zu tun haben. Wenn sich dieser Konflikt fortsetzt, gibt es keinen Zweifel daran, dass eine globale Rezession droht – und Europa wegen seiner Abhängigkeit von Öl und Gas besonders verwundbar ist. Ich mache mir große Sorgen. Wir waren gerade auf Erholungskurs, der Optimismus kehrte zurück. Mit jedem Tag, den der Konflikt anhält, steigt das Risiko. Das ist genau das, was Europa jetzt nicht braucht.

Haben wir unterschätzt, wie zentral Energie für die Stabilität der Weltwirtschaft ist?
Nein, das wussten wir immer. Die Idee der Klimapolitik und des europäischen Green Deals war ja gerade, unabhängiger zu werden. Natürlich wurden in der Ausgestaltung dieser Politik in den vergangenen Jahren Fehler gemacht. Aber Europa weiß inzwischen sehr genau, dass Investitionen in Erneuerbare der Kern unserer Energiepolitik und unserer Resilienz sind – und wettbewerbsrelevant. Entscheidend ist, wie wir das gestalten und welchen Instrumentenmix wir einsetzen.

Was lief bisher falsch?
Allein auf eine CO₂-Bepreisung zu setzen, war keine gute Idee. Wir brauchen Technologie, Finanzierung, Investitionen in Netze, gemeinsame Beschaffung – und wir müssen den Binnenmarkt hebeln, um Skalenerträge in diesen Sektoren zu erschließen. Ich hoffe, Europa beschleunigt jetzt in diese Richtung – vielleicht ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt.

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„Er ist ein Kriegspräsident“ – Militärstrategin Gaub erklärt, warum Trump den Irankrieg braucht

Nato-Forschungschefin Florence Gaub erklärt, warum ein Bodenkrieg im Iran unwahrscheinlich ist, wieso der Konflikt trotzdem eskaliert – und weshalb Donald Trump den Krieg politisch braucht.

Frau Gaub, aus Ihrer Sicht als Nato-Forschungschefin und Militärstrategin: Wie weit sind wir von der nächsten Eskalationsstufe, einem Bodenkrieg der USA im Iran, noch entfernt?
Noch wesentlich weiter, als man denkt. Je weniger Sie auf dem Boden aktiv werden wollen, desto stärker eskalieren Sie in der Luft. Von Anfang an war Boden eigentlich nie eine Option. Es ging immer darum, das iranische Regime so zu schwächen, dass es an den Verhandlungstisch kommt.

Das versucht man seit Jahrzehnten …
Was ich mir im Extremfall vorstellen könnte, ist ein Spezialeinsatzkommando, das versucht, das iranische Uran zu finden. Aber Truppen? Für ein Land dieser Größe, noch größer als der Irak, brauchen Sie entsprechend auch noch mehr Soldaten. Allein von der Mobilisierung her bräuchten Sie drei Monate, um die Truppen dorthin zu bringen.

Wäre ein Bodenkrieg militärisch sinnvoll?
Es gibt schon ein Beispiel, wo das funktioniert hat: Deutschland 1945. Man kann in ein Land reingehen, es komplett besetzen, die Regierung ersetzen. Aber Deutschland war insofern die Ausnahme, als die Alliierten die Vision hatten, so lange zu bleiben, wie es nötig war. Sie hatten ein umfassendes wirtschaftliches und politisches Projekt.

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„Wir können nicht führende Mittelmacht sein wollen – und dann nichts tun“

Europa reagiere zu zögerlich im Iran, kritisiert die Sicherheitsexpertin Claudia Major. Welche militärischen Lücken wir schließen müssten – und warum es keine deutsche Atombombe geben darf.

Frau Major, erleben wir mit den gegenseitigen Angriffen auf Gasanlagen in den vergangenen Tagen eine weitere Eskalation des Iran-Konflikts?
Ja, aber sie passt gleichzeitig in das Schema dieses Krieges. Der Iran kann militärisch gegen Israel und die USA nicht gewinnen. Deswegen war die Reaktion von Anfang an, horizontal zu eskalieren: den Krieg in die Breite zu tragen, auf andere Länder auszuweiten, die dann bitte den Druck auf die USA erhöhen, den Krieg auch zu politisieren.

Inwiefern?
Wenn ein Flughafen angegriffen wird oder ein Gasfeld, kommt der Krieg auch in die Parlamente, in die Aufsichtsräte. Weil die Straße von Hormus nur noch bedingt befahrbar ist, wirkt sich das direkt auf die Wirtschaft aus. Die Strategie des Irans, die Kosten des Krieges in die Höhe zu treiben, funktioniert offensichtlich.

Gefühlt stehen wir Europäer, wir Deutsche, wie Zuschauer neben diesem Konflikt. Sind wir der Politik Donald Trumps und Benjamin Netanjahus gerade komplett ausgeliefert?
Wir sind nicht nur Zuschauer, weil wir von den Folgen des Krieges direkt betroffen sind. Natürlich stimmt es, dass das nicht unser Krieg ist, und die Bundesregierung tut gut daran, zu sagen, dass er völkerrechtswidrig ist. Vieles, woran wir Europäer glauben, wird in diesem Krieg mit Füßen getreten. Wir kritisieren Russland für einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Da ist es natürlich schwer, jetzt den Krieg gegen den Iran zu unterstützen.

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Vertrauen trotz Härte: Das könnte Deutschland von Dänemark lernen

Während in Deutschland Vertrauen in die Politik schwindet, zeigt Dänemark: Strenge Regeln und klare Abläufe können die Demokratie stabilisieren. Wieso funktioniert der Staat dort besser?

Kopenhagen. Wer den Bürgerservice in Kopenhagen betritt, fühlt sich wie in einem Science-Fiction-Film: Für einen Reisepass meldet man sich an einem SB-Terminal per digitaler Identität an. Fürs Foto fährt die Maschine auf die richtige Höhe, selbst die Fingerabdrücke nimmt man sich hier selbst. Bezahlt hat man schon längst per App. Nur ganz am Schluss kommt eine Mitarbeiterin dazu, um die Identität abzugleichen. Ein paar Minuten später ist der Verwaltungsakt schon vorbei.

Nicht nur bei Pässen ist Kopenhagen Vorreiter: Termine bekommt man hier in zwei bis fünf Tagen. Vor Ort wartet man im Schnitt nur vier Minuten und 23 Sekunden. Bei der Telefonhotline sind es 83 Sekunden. In Deutschland würde man diese Zahlen vermutlich für PR halten. Doch hier sind sie Verwaltungsroutine. Line Friedrichsen ist die Chefin dieses geschmeidigen Apparats, der sich „Københavns Borgerservice“ nennt.

Sieben Standorte, 700.000 Anrufe pro Jahr, knapp 200.000 Besuche vor Ort. „Vertrauen und Transparenz sind unsere Schlüsselwörter“, sagt Friedrichsen. „Man muss sehr gut im Service sein und die Situation der Bürger verstehen.“

Daran arbeiten sie hier ständig, bis hin zur Wortwahl. „Am Telefon und persönlich gilt: Alle sagen zuerst ‚Velkommen‘. So setzt man den Ton, macht es persönlicher“, sagt Friedrichsen. Man dürfe niemals von oben herabreden, sondern müsse die Probleme der Bürger ernst nehmen.

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