„Amerika verhält sich gerade wie ein altes Imperium“

Der Nahostexperte Daniel Gerlach erklärt, warum Diplomatie oft nur Fassade ist, weshalb sich Konflikte seit Jahrtausenden gleichen – und was Donald Trump mit römischen Imperatoren verbindet.

München. Daniel Gerlach ist momentan einer der gefragtesten Nahostexperten im Land. Der Historiker und Islamwissenschaftler, Jahrgang 1977, war etliche Male in Ländern wie Syrien, dem Irak oder dem Iran. Er dreht Dokumentationen, ist Herausgeber und Chefredakteur der Orient-Zeitschrift „zenith“ und hat mehrere Bücher über die Region geschrieben. Für sein neuestes Werk ist er gerade auf Lesetour durch Deutschland. Das Handelsblatt hat vor seinem Auftritt in München mit Gerlach gesprochen.

Herr Gerlach, Sie sind mit einem Buch über die Kunst des Friedens auf Tour – und das mitten in Kriegszeiten. Ist das nicht ein Widerspruch?
Im Gegenteil. Wo kein Rauch ist, da ist kein Feuer. Und wo kein Krieg ist, brauchen wir auch keine Friedensdiplomatie. Ich beschäftige mich ja nicht nur mit der Geschichte des Friedens, sondern auch mit ihrem Kontext – und das sind nun einmal bewaffnete Konflikte.

Wie den im Iran …
Was wir als Fachleute für den Nahen Osten gerade erleben, ist eine völlige Umwälzung und Infragestellung von Grundannahmen, die über Jahrzehnte gültig schienen. Gleichzeitig treten dabei auch immer die großen historischen Linien zutage. Es wiederholt sich die Geschichte.

War der Irankrieg für Sie beim Schreiben absehbar?
Gerechnet habe ich damit, aber nicht in einem solchen Ausmaß. Was wir gerade sehen, ist die Wiederkehr von Verhaltensmustern, politischen Fehlern, aber auch von Narrativen, die ich in den vergangenen 3500 Jahren schlaglichtartig beleuchtet habe. Eine Konstante ist die wechselseitige Verwicklung lokaler und großer, geopolitischer Machtkämpfe. Aus Sicht vieler in der Region verhält sich Amerika gerade wie eines jener Imperien, die über die letzten Jahrhunderte immer wieder im Nahen Osten aufgetaucht sind.

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„Es droht eine Rezession – und Europa ist besonders verwundbar“

Die italienische Top-Ökonomin Lucrezia Reichlin warnt vor den Folgen eines neuen Energieschocks – und erklärt, warum ausgerechnet Deutschland zum Bremsklotz im globalen Wettbewerb wird.

Frau Reichlin, die Weltwirtschaft zeigt sich gerade verwundbar wie lange nicht mehr. Wie groß ist das Risiko eines neuen globalen Energieschocks?

Das Risiko ist sehr real. Ich halte diesen Energieschock für etwas Besonderes, weil wir es aufgrund der Schließung der Straße von Hormus tatsächlich mit Mengenbeschränkungen zu tun haben. Wenn sich dieser Konflikt fortsetzt, gibt es keinen Zweifel daran, dass eine globale Rezession droht – und Europa wegen seiner Abhängigkeit von Öl und Gas besonders verwundbar ist. Ich mache mir große Sorgen. Wir waren gerade auf Erholungskurs, der Optimismus kehrte zurück. Mit jedem Tag, den der Konflikt anhält, steigt das Risiko. Das ist genau das, was Europa jetzt nicht braucht.

Haben wir unterschätzt, wie zentral Energie für die Stabilität der Weltwirtschaft ist?
Nein, das wussten wir immer. Die Idee der Klimapolitik und des europäischen Green Deals war ja gerade, unabhängiger zu werden. Natürlich wurden in der Ausgestaltung dieser Politik in den vergangenen Jahren Fehler gemacht. Aber Europa weiß inzwischen sehr genau, dass Investitionen in Erneuerbare der Kern unserer Energiepolitik und unserer Resilienz sind – und wettbewerbsrelevant. Entscheidend ist, wie wir das gestalten und welchen Instrumentenmix wir einsetzen.

Was lief bisher falsch?
Allein auf eine CO₂-Bepreisung zu setzen, war keine gute Idee. Wir brauchen Technologie, Finanzierung, Investitionen in Netze, gemeinsame Beschaffung – und wir müssen den Binnenmarkt hebeln, um Skalenerträge in diesen Sektoren zu erschließen. Ich hoffe, Europa beschleunigt jetzt in diese Richtung – vielleicht ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt.

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„Er ist ein Kriegspräsident“ – Militärstrategin Gaub erklärt, warum Trump den Irankrieg braucht

Nato-Forschungschefin Florence Gaub erklärt, warum ein Bodenkrieg im Iran unwahrscheinlich ist, wieso der Konflikt trotzdem eskaliert – und weshalb Donald Trump den Krieg politisch braucht.

Frau Gaub, aus Ihrer Sicht als Nato-Forschungschefin und Militärstrategin: Wie weit sind wir von der nächsten Eskalationsstufe, einem Bodenkrieg der USA im Iran, noch entfernt?
Noch wesentlich weiter, als man denkt. Je weniger Sie auf dem Boden aktiv werden wollen, desto stärker eskalieren Sie in der Luft. Von Anfang an war Boden eigentlich nie eine Option. Es ging immer darum, das iranische Regime so zu schwächen, dass es an den Verhandlungstisch kommt.

Das versucht man seit Jahrzehnten …
Was ich mir im Extremfall vorstellen könnte, ist ein Spezialeinsatzkommando, das versucht, das iranische Uran zu finden. Aber Truppen? Für ein Land dieser Größe, noch größer als der Irak, brauchen Sie entsprechend auch noch mehr Soldaten. Allein von der Mobilisierung her bräuchten Sie drei Monate, um die Truppen dorthin zu bringen.

Wäre ein Bodenkrieg militärisch sinnvoll?
Es gibt schon ein Beispiel, wo das funktioniert hat: Deutschland 1945. Man kann in ein Land reingehen, es komplett besetzen, die Regierung ersetzen. Aber Deutschland war insofern die Ausnahme, als die Alliierten die Vision hatten, so lange zu bleiben, wie es nötig war. Sie hatten ein umfassendes wirtschaftliches und politisches Projekt.

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„Wir können nicht führende Mittelmacht sein wollen – und dann nichts tun“

Europa reagiere zu zögerlich im Iran, kritisiert die Sicherheitsexpertin Claudia Major. Welche militärischen Lücken wir schließen müssten – und warum es keine deutsche Atombombe geben darf.

Frau Major, erleben wir mit den gegenseitigen Angriffen auf Gasanlagen in den vergangenen Tagen eine weitere Eskalation des Iran-Konflikts?
Ja, aber sie passt gleichzeitig in das Schema dieses Krieges. Der Iran kann militärisch gegen Israel und die USA nicht gewinnen. Deswegen war die Reaktion von Anfang an, horizontal zu eskalieren: den Krieg in die Breite zu tragen, auf andere Länder auszuweiten, die dann bitte den Druck auf die USA erhöhen, den Krieg auch zu politisieren.

Inwiefern?
Wenn ein Flughafen angegriffen wird oder ein Gasfeld, kommt der Krieg auch in die Parlamente, in die Aufsichtsräte. Weil die Straße von Hormus nur noch bedingt befahrbar ist, wirkt sich das direkt auf die Wirtschaft aus. Die Strategie des Irans, die Kosten des Krieges in die Höhe zu treiben, funktioniert offensichtlich.

Gefühlt stehen wir Europäer, wir Deutsche, wie Zuschauer neben diesem Konflikt. Sind wir der Politik Donald Trumps und Benjamin Netanjahus gerade komplett ausgeliefert?
Wir sind nicht nur Zuschauer, weil wir von den Folgen des Krieges direkt betroffen sind. Natürlich stimmt es, dass das nicht unser Krieg ist, und die Bundesregierung tut gut daran, zu sagen, dass er völkerrechtswidrig ist. Vieles, woran wir Europäer glauben, wird in diesem Krieg mit Füßen getreten. Wir kritisieren Russland für einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg. Da ist es natürlich schwer, jetzt den Krieg gegen den Iran zu unterstützen.

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