Aus heiterem Himmel?

Co-Autor: Andreas Oswald

Seit Silvester finden auf der Erde massenhaft Vögel und Fische den Tod. Vorboten der Apokalypse? Unsinn, sagen Experten.

Der Spuk begann in der Neujahrsnacht. In der Kleinstadt Beebe im US-Bundesstaat Arkansas fielen ganz plötzlich 5000 Vögel tot vom Himmel. Amseln, Drosseln, Rotkehlchen, Stare und Sperlinge. Wenige Tage später starben hunderte Vögel in den US-Bundesstaaten Louisiana und Kentucky. Dann überschlugen sich die Ereignisse.

  • In der ersten Januarwoche tauchten im US-Bundesstaat Maryland plötzlich zwei Millionen tote Fische auf. Die Umbern und Menhaden schwammen an der Wasseroberfläche der Chesapeake Bay, der größten Flussmündung der USA.
  • In Südengland wurden, ebenfalls in der ersten Januarwoche, 40.000 tote Krabben entdeckt. Die Tiere wurden massenweise an die Küsten in der Grafschaft Kent gespült.
  • In der italienischen Stadt Faenza 50 Kilometer südöstlich von Bologna wurden 700 tote Turteltauben entdeckt.



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  • Im Süden Schwedens wurden mehr als 50 Vogelkadaver gefunden. Die Dohlen lagen auf einer Straße in der kleinen Stadt Falköping.
  • An der Küste Neuseelands, in den Buchten Little Bay und Waikawau Bay, sind hunderte tote Fische gefunden worden.
  • In Brasilien wurden 100 Tonnen verendete Sardellen, Barsche und Welse gefunden. Die kleinen Fische lagen an den Stränden von Paranagua. Auch an anderen Küsten starben auffällig viele Fische.
  • Seit Tagen kreisen 500 Geier über der Kleinstadt Staunton im US-Bundesstaat Virginia und versetzen die Bewohner in Angst und Schrecken.

Auf der Webseite der New York Times ist jetzt „Vögel“ einer der am meisten eingegebenen Begriffe. Im Internet überbieten sich Verschwörungstheoretiker und Endzeitbeschwörer. Sind diese rätselhaften Ereignisse ein Zeichen für den nahenden Weltuntergang? Eine gerechte Strafe für die Sünden einer hemmungslosen Ich-Gesellschaft? Der Erdmagnetismus sei außer Kontrolle geraten, sagen die einen, andere spekulieren, die US-Regierung habe in der Silvesternacht eine neue biologische Waffe getestet, wieder andere spekulieren über eine neue, bisher unbekannte Krankheit.

Die Häufung der Ereignisse macht vielen Menschen Angst. Überschwemmungen in Australien und Deutschland, Erdrutsche in Brasilien, Tier-Massensterben auf dem ganzen Erdball – gerät die Welt aus den Fugen?

Fast alles Unsinn, sagen Wissenschaftler, die sich mit diesen Phänomenen beschäftigen. „Die ganze Sache hat nichts Apokalyptisches“, sagt Kristen Schuler von der Abteilung für Tierforschung des Geologischen Dienstes der USA (USGS). „Ähnliches erleben wir fast jede Woche.“ Tatsächlich führt die USGS-Internetseite ein Verzeichnis mit Berichten über Vogelsterben, wöchentlich gibt es Vorfälle mit dutzenden bis tausenden toten Tieren.

Ingo Ludwichowski, Ornithologe vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) in Schleswig-Holstein, glaubt nicht, dass all die Phänomene zusammenhängen. „Das ist ein Konglomerat aus unterschiedlichen Einzelereignissen.“ Bei allen Vorfällen gebe es unterschiedliche Ursachen.

So seien die 5000 Vögel in Arkansas sehr wahrscheinlich durch einen Hagelsturm in großer Höhe getötet worden. Andere Vogelexperten glauben, dass das Silvesterfeuerwerk die Tiere überrascht hat und sie in der Folge an Stress gestorben sind. Auch für die toten Fische gebe es eine Erklärung: „Durch den kalten Winter waren viele Gewässer vereist. Dadurch bekommen die Fische nicht genügend Sauerstoff“, sagt der Nabu-Experte.

Wenn das Eis schmilzt, kommen die toten Tiere massenweise zum Vorschein. Die Krabben in Südengland sind wohl auch an der Kälte gestorben. „Wir haben wegen der eisigen Temperaturen auch im Wattenmeer immer wieder tote Krabben“, sagt Ludwichowski. Für das Sterben der italienischen Turteltauben gibt es ebenfalls eine Erklärung: Die Tiere haben vermutlich zu viele Sonnenblumenkerne gegessen – Abfallprodukte einer Ölfabrik.

Es gibt allerdings ein Thema, bei dem die Apokalyptiker auf ein wahres Faktum verweisen, aber einen falschen Zusammenhang herstellen. Im Internet kursiert seit Tagen das Gerücht, das weltweite Massensterben der Tiere hänge mit dem wandernden Magnetfeld der Erde zusammen. Der magnetische Nordpol bewegt sich derzeit tatsächlich stark. Wissenschaftler gehen davon aus, dass er bis 2055 in Sibirien angekommen sein wird. Viele Tiere wiederum orientieren sich am Magnetfeld der Erde.

Aber kann das zum Massentod führen? Nein, sagt Ludwichowski. „Diese Verschiebungen reichen aber nicht aus, um die Vögel vom Himmel fallen zu lassen.“

Ein Massensterben von Tieren ist nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist, dass plötzlich die verschiedenen Vorfälle auf der ganzen Welt in einen Zusammenhang gestellt werden, obwohl dieser nicht existiert. Auch in Deutschland habe es in der Vergangenheit Vorfälle gegeben, bei denen viele Tiere auf einmal gestorben sind. „In Lübeck sind vor ein paar Jahren mal 50 Gänse durch Hagelschlag gestorben“, erinnert sich Ludwichowski. Auch auf hohen Brücken gebe es immer wieder eine Ansammlung toter Vögel.

Ludwichowski glaubt, dass hinter den vielen Meldungen Panikmache stecke. „Der erste Vorfall in den USA hat dazu geführt, dass alle anderen Tiertode nun auch zur Nachricht werden. 50 tote Dohlen in Schweden hätten früher niemanden ernsthaft interessiert.“

Nach Ansicht des Kulturwissenschaftlers Robert Thompson von der Universität Syracuse hätte es vor 50 Jahren kaum jemand auf einem anderen Kontinent mitbekommen, wenn irgendwo Vögel vom Himmel fielen. Wegen des Internets würden sich solche Nachrichten nun aber in Windeseile verbreiten, wenn sie spannend klängen. „Und seien wir ehrlich: Riesige Mengen von Vögeln, die vom Himmel fallen, oder Fische, die mit dem Bauch nach oben schwimmen – das ist eine ziemlich fesselnde Geschichte.“

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