Millionen für Berliner Gastro-Start-up Orderbird

Das Kassen-Start-up Orderbird macht Kasse: Mehr als 20 Millionen Euro haben die Berliner in der jüngsten Finanzierungsrunde eingenommen. Unter den neuen Investoren ist auch der Handelsriese Metro.

Düsseldorf. Der kleine blaue Vogel, der das Logo von Orderbird ziert, fliegt immer höher und weiter: Das Start-up aus Berlin hat in der jüngsten Finanzierungsrunde mehr als 20 Millionen Euro eingenommen. Damit kann das Unternehmen, das schon länger die Nummer eins bei iOS-basierten Kassensystemen in Deutschland ist, seine Spitzenposition weiter ausbauen.

Das System ist einfach erklärt: Das iPad fungiert als Kasse, iPhones oder iPods ersetzen die teuren Funkboniergeräte der traditionellen Kassenanbieter. Orderbird liefert auch Bon- und Rechnungsdrucker sowie ein Kartenlesegerät. Alles in allem kostet ein Starterset 1500 Euro – weit weniger als bei klassischen Anbietern.

Ende des Jahres zählte das Start-up 5000 Kunden und 100 Mitarbeiter, ein knappes halbes Jahr später nutzen mehr als 6500 Restaurants, Bars, Clubs und Eisdielen das Tablet-Kassensystem, die Belegschaft ist auf 120 angeschwollen. Ende dieses Jahres sollen es sogar 200 Mitarbeiter werden. Es ist ein steiler Aufstieg: Erst im Jahr 2011 wurde Orderbird vom heutigen Firmenchef Jakob Schreyer und drei seiner Schulfreunde gegründet.

Die vier jungen Männer sammelten schon vor der Gründung mehr als 400.000 Euro ein, räumten Innovationspreise ab – schnell wurden auch große Player auf die kleine Ideenschmiede aufmerksam. In der ersten Finanzierungsrunde kamen rund 3,5 Millionen Euro zusammen, unter den Investoren war etwa auch Carsten Maschmeyer.

Finanzierungsrunde zwei brachte schon zehn Millionen Euro, nun kommt noch einmal das Doppelte rein, ein großer Teil davon von der Metro AG. Das Investment ist eine kluge Partnerschaft, für beide Seiten: Der Handelsgigant aus Düsseldorf kann damit seine Digitalisierungsstrategie in der Gastronomie vorantreiben, für Orderbird öffnet sich der Zugang zu 21 Millionen aktiven Großhandelskunden, die MetroCash & Carry weltweit betreut.

„Mit unserem Engagement in Orderbird gehen wir einen weiteren wichtigen Schritt, um unseren Kunden durch digitale Lösungen Vorteile zu erschließen“, erklärt Metro-Chef Olaf Koch. Orderbird will mit dem frischen Geld vor allem stärker im Ausland wachsen. In Österreich, der Schweiz, Großbritannien und Irland zählt das Unternehmen ebenfalls zu den führenden Anbietern. Nun soll der Markteintritt in Frankreich starten.

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„Die Entwicklung in Richtung einer NPD war absehbar“

Für Hans-Olaf Henkel war der Rechtsruck der AfD schon lange abzusehen. Mit seiner Partei Alfa will der Ex-AfD-Vize davon profitieren. Einig ist er mit der AfD nur in einer Sache: Merkels Flüchtlingspolitik muss korrigiert werden.

Hans-Olaf Henkel ist gerade ein gefragter Mann. Der Alfa-Abgeordnete hat zwar Sitzungswoche im Europaparlament, ist aber auch für seine Partei im Landtagswahlkampf unterwegs. Vor allem in Baden-Württemberg glaubt die Partei an den Einzug ins Landesparlament. Über seine ehemalige Partei AfD, die zuletzt vor allem mit der Forderung nach einem Schusswaffeneinsatz gegen Flüchtlinge aufgefallen ist, verliert Henkel hingegen kein gutes Wort mehr.

Herr Henkel, schmerzt es Sie als Gründervater nicht, in welche Richtung Ihre ehemalige Partei AfD gerade abdriftet?
Ich bin an diesen Schmerz gewöhnt. Das ist ja keine Überraschung für mich. Diese Entwicklung in Richtung einer NPD oder einer Partei wie dem Front National in Frankreich ist schon seit einiger Zeit abzusehen. Ich habe ja auch schon vor langer Zeit reagiert: Ich darf daran erinnern, dass ich zunächst innerparteilich und intern dagegen Stellung bezogen habe, als die Ausfälle von Höcke, Gauland, Poggenburg & Co. in den Medien erschienen, auch öffentlich. Als weitere Konsequenz habe ich dann meinen stellvertretenden Vorsitz abgegeben. Nach dem Essener Parteitag bin ich dann ganz ausgetreten und mit insgesamt fünf der sieben AfD-Abgeordneten des Europäischen Parlaments in die Alfa-Partei, der Allianz für Fortschritt und Aufbruch, eingetreten.

Aber die Entwicklung in letzter Zeit muss doch auch für Sie erschreckend sein…
Für mich ist das ein kontinuierlicher Prozess, der in den Aussagen von Frau Petry und Frau von Storch nur einen vorläufigen Höhepunkt gefunden hat – das war längst noch nicht alles.

Nicht einmal die NPD würde doch so plump auftreten, wie es die beiden Damen nun mit dem Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge getan haben…
Ich erlebe es hier im Europäischen Parlament: Die Empörung ist durch die Bank in allen Fraktionen groß. Interessanterweise lassen sich die beiden hier in Straßburg in den letzten Tagen nicht mehr blicken. Anscheinend sind sie abgetaucht, weil sie wissen, dass sie hier parteiübergreifend abgewatscht werden. Dieser Kritik wollen sie offenbar durch Aussitzen entgegen.

Warum verfangen solche Parolen offenbar bei so vielen Deutschen?
Das ist nicht spezifisch deutsch. Es gibt ein Potenzial für solch eine Art Partei in vielen Ländern Europas. Man muss aber auch festhalten, dass dieses Potenzial bei uns durch eine falsche Politik geradezu gefördert wird. Bei Alfa – und als wir Alfa-Leute noch in der AfD waren – haben wir uns schon früh darüber mokiert, dass zum Beispiel die  Kritik am Euro nicht gleichzusetzen ist mit Kritik an Europa. Und Kritik an der Flüchtlingspolitik ist nicht gleichzusetzen mit Kritik an Flüchtlingen selber. Aber genau das passiert natürlich.

Punkten Petry und von Storch am Ende sogar noch mit ihren Aussagen?
Die Aussagen über den Gebrauch von Schusswaffen auf Flüchtende an der Grenze sind ja nicht neu! Schon vor Monaten hatte der AfD-Vorsitzende von NRW und Lebensabschnittsgefährte von Parteichefin Petry, Marcus Pretzell, das gleiche gesagt, und der stellvertretende Bundessprecher Alexander Gauland hat später bei Ihnen im Handelsblatt diese Aussage auch noch gut geheißen! Die Wiederholung durch Petry und der expliziten Ausweitung auf Frauen und Kinder durch von Storch – die auf Kinder hat sie inzwischen zurückgenommen – erscheint klar kalkuliert, denn damit können sie bei den immer stärker werdenden Rechtsaußen in der Partei punkten. Auf der anderen Seite wird es viele moderate Leute abstoßen, die die AfD nicht mehr ernstnehmen.

Kann Alfa davon profitieren?
Davon gehen wir aus. Es ist ja ganz offensichtlich, dass durch die Politik des ständigen Linksrutsches von Frau Merkel auf der einen Seite und der dramatischen Radikalisierung der AfD auf der anderen Seite ein großes Potenzial für eine neue Partei entsteht. Und Alfa will bei den anstehenden Landtagswahlen genau dort hinein.

Sie sehen da eine klare Lücke?
Das sehen glaube ich alle. Ich erlebe es ja auch hier im EU-Parlament, wo Leute unter vier Augen, auch von der Europäischen Volkspartei sagen, dass zum Beispiel Merkels Flüchtlingspolitik nicht funktioniert. Es ist logisch, dass die Wähler dann nach einer Alternative suchen. Bisher hatten sie nur die AfD. Für Anständige geht das nun endgültig nicht mehr. Jetzt gibt es nur noch Alfa.

Was ist denn Ihre Lösung?
Auch wir sind der Meinung, dass die Flüchtlingspolitik von Frau Merkel falsch ist, dass sie Europa auseinandertreibt und Deutschland isoliert. Frau Merkel hat für den jetzigen Kuddelmuddel gesorgt. Eine einfache Lösung gibt es aber nicht. Wir haben schon vor Wochen ein Konzept vorgestellt, was auch schon von Teilen der CDU aufgegriffen worden ist. Zum Beispiel das Thema Obergrenze: Wir brauchen eine solche Grenze, aber sie muss sich zusammensetzen aus der Fähigkeit und Bereitschaft aller deutscher Kommunen.

Was heißt das genau?
Wir fragen die Kommunen ab, wie viele Flüchtlinge sie aufnehmen können und wollen. Die Summe aller Kommunen ist dann die nationale Obergrenze. Das ist ein basisdemokratischer Prozess: Die Kommunen vor Ort, die Bürger entscheiden von unten und nicht Frau Merkel von oben. Dadurch können auch die bereits überlasteten Kommunen entlastet werden. Wir haben ja heute in NRW schon einige Kommunen, die einen Ausländeranteil von über 40 Prozent haben. Das Entscheidende an dem Vorschlag: Es ist eine atmende Obergrenze, weil immer dann, wenn Deutschland in der Zukunft Zigtausende Flüchtlinge zurückschickt, was Frau Merkel ja neuerdings auch will, könnte man auch wieder neue Flüchtlinge aufnehmen, wenn die Kommunen dazu in der Lage sind.

Und das soll ernsthaft funktionieren?
Wir wollen es so machen wie andere Länder auch: Wir suchen uns die Flüchtlinge aus. Zurzeit, das sind die neuesten Zahlen der EU-Kommission, sind 72,3 Prozent der Flüchtlinge, die bei uns Asyl beantragen, Männer. Das führt nicht nur bei uns zu gewaltigen sozialen Konflikten – Stichwort Köln – es führt auch zu riesigen Problemen in den Herkunftsländern. Ich halte es für falsch, dass die  Männer ihre Frauen, ihre Töchter, ihre Mütter verlassen und ungeschützt lassen. Das sind gerade diese Länder, in den Frauen und Mädchen am meisten gefährdet sind – ich denke an die schrecklichen Übergriffe vom IS oder Boko Haram an Frauen und Mädchen. Als erste Stufe einer neuen Flüchtlingspolitik müssen wir die romantische deutsche Willkommenskultur durch eine realistische Hilfskultur für diejenigen ersetzen, die wirklich Hilfe brauchen.

Wie wollen Sie dafür andere Parteien im EU-Parlament überzeugen?
Wir sollten nicht auf europäische Lösungen warten, weil es überhaupt keine gibt. Die Staats- und Regierungschefs haben vor Monaten beschlossen 160.000 Flüchtlinge umzuverteilen. Davon umverteilt sind heute 272. Unser großer Freund Frankreich hat davon 19 übernommen. Wenn sich eine europäische Lösung nicht abzeichnet, müssen wir eben eine nationale finden. Das Dublin-Abkommen muss wieder in Kraft gesetzt werden, wir müssen in der Lage sein, Flüchtlinge wieder abzuweisen, ähnlich wie das die moralische Supermacht Schweden jetzt auch tut. Wenn sich das rumspricht, wird es dazu führen, dass diese Menschen sich nicht mehr auf den gefährlichen Weg zu uns machen.

Glauben Sie das wirklich? Die Menschen suchen sich dann eben andere Wege, um nach Europa zu kommen.
All den Leuten, die hier meinen, sie würden mit der Willkommenskultur Beispiele für gelebte Humanität abgeben, den muss ich mal folgende Frage stellen: Wissen Sie eigentlich, wie viele Menschen nur deshalb ertrunken sind, weil sie der Merkelschen Einladung gefolgt sind? Ich weiß es nicht, aber einige sind es bestimmt. Mein langjähriger persönlicher Freund, der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei, sammelt gerade Tausende von Schwimmwesten auf griechischen Stränden, um damit in Berlin mit einem daraus entstehenden Kunstwerk an diese Unglücklichen zu erinnern. Viele dieser Flüchtlinge haben sich nicht aus umkämpften Gebieten, sondern aus zwar sehr unkomfortablen, aber sicheren Lagern auf den gefährlichen Weg gemacht!

Aber wenn sie keine europäische Lösung sehen, sind Sie doch im Europäischen Parlament gerade falsch aufgehoben…
Aus der Sicht der nichtdeutschen Kollegen hat Frau Merkel aus dem Flüchtlingsproblem ein deutsches Problem gemacht. Frau Merkel hat sich erpressbar gemacht. Die Griechen setzen ihre versprochene Reform für das dritte Eurorettungspaket nicht in die Tat um, weil Merkel die Griechen jetzt bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise braucht. Frau Merkel hat ausgerechnet den Türken, die sich um Menschenrechte und Pressefreiheit immer weniger scheren, jetzt die beschleunigte Aufnahme in die EU in Aussicht stellen müssen. Diese Flüchtlingspolitik ist ein absoluter Wahnsinn. Daher brauchen wir eine Partei wie Alfa, die eine rationale und vernünftige Flüchtlingspolitik will, eine andere als alle Parteien im Bundestag, aber auch eine andere als die AfD.

Sind Sie jetzt die moderate Alternative für Deutschland?
Ich sage immer gern, wir sind die anständige und vernünftige Alternative.

Was rechnen Sie sich speziell in Baden-Württemberg für Chancen aus?
Entgegen aller Vorhersagen haben wir es geschafft, in allen 70 Wahlkreisen durch vernünftige Kandidaten vertreten zu sein. Überall haben wir die nötigen 150 Unterschriften sammeln und zertifizieren lassen. Das Wahlrecht dort macht es für neue Parteien sehr schwer. Auch in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt haben wir die nötigen Unterschriften zusammen. Nun sind wir in den Ländern unterwegs, auch Joachim Starbatty,  Bernd Lucke, Bernd Kölmel und Ulrike Trebesius machen Wahlkampf in diesen Ländern. Wir erwarten, dass wir es in den Landtag schaffen.

Und die AfD?
Die AfD ist verrottet zu einer Einthemenpartei. Praktisch die gesamte ökonomische Kompetenz ist jetzt bei Alfa, auch die entscheidenden und bekanntesten Familienunternehmer sind bei uns. Irgendwann wird den Baden-Württembergern klarwerden, dass sie eine Partei brauchen, die eine vernünftige Flüchtlingspolitik hat.

Klingt auch nach nur einem Thema.
Das Flüchtlingsthema überlagert doch alles! Wir haben aber auch eine andere Euro- und Europapolitik. Wir treten auch dem Vorschlag entgegen, das Bargeld abzuschaffen. Wir sind für eine Abschaffung der Erbschaftssteuer. Wir werden uns dem Begehren der Linken und Grünen entgegenstellen, die Vermögenssteuer wieder einzuführen. Wir sind technologiefreundlich und unterscheiden uns dadurch auch deutlich von den Grünen. Deutschland braucht eine neue Partei der Mitte. Wir hoffen, dass wir mit Alfa im Lauf der nächsten Jahre ins etablierte Parteienspektrum einziehen können.

Herr Henkel, vielen Dank für das Gespräch.

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„Das Lebenswerk vieler Menschen ist bedroht“

Die Abgas-Affäre war für VW bislang eine Managementkrise. Doch der Skandal trifft auch die einfachen Mitarbeiter: Die Belegschaft ist wütend auf die Führung – ebenso die Zulieferer. Ein Stimmungsbericht aus Wolfsburg.

Wolfsburg. Nachhaltigkeit, das ist ihnen hier ganz wichtig in Wolfsburg. In der Autostadt, dem künstlich angelegten Biotop für Volkswagenkunden, die ihr neues Auto selbst abholen, will der Konzern zeigen, wie grün er ist. In der Ausstellung „Green Level“ können Besucher ihren ökologischen Fußabdruck messen, einen virtuellen Wasserbach plätschern sehen oder sich über die Fortschritte in der Technik informieren.

„Der Kunde erwartet weltweit die gleiche Qualität“, heißt es in einem Video, das den Besuchern in einem Kino vorgesetzt wird. „Wir haben die Verantwortung, unsere Standards in die ganze Welt zu tragen.“ Sogar der zurückgetretene VW-Chef Martin Winterkorn taucht kurz auf.

Auf einer digitalen Infowand wird über die Vorzüge von TDI-Motoren informiert. Sparsam seien sie, hätten eine sehr gute Leistung und „geringe Emissionen“. Es sind jene Dieselantriebe, die VWin seinen Autos verbaut – und dessen Manipulation den Konzern gerade in seine größte Krise gesteuert hat. Die Ausstellung, die Filmszenen, Winterkorn: Das alles wirkt überholt – von der Wirklichkeit.

Auch wenn VW in der Autostadt versucht, den Alltag vorzugaukeln: Es liegt Anspannung in der Luft. Und Unsicherheit. Vor allem bei den Mitarbeitern.

Sparsam, geringe Emissionen: Wie VW seinen TDI-Motor in der Autostadt beschreibt. Foto: Wermke

Es ist später Abend, die Kollegen der Spätschicht kommen gerade aus dem Werk am Mittellandkanal. Über Unterführungen gelangen sie auf die andere Uferseite, zu den Parkplätzen, zum Bahnhof. Die beleuchteten Treppenaufgänge sind kameraüberwacht. Mit Journalisten reden darf hier niemand. Die meisten winken ab, schütteln den Kopf, halten sich den Zeigefinger vor den Mund. Und die wenigen, die das Schweigegelübde brechen, nennen ihre Namen nicht.

Etwa 200 Meter von einem der Unterführungen entfernt steht eine Kneipe, die „Tunnel-Schänke bei Bruno“, beliebt bei VWlern. Der Mann, der hier mit seinem Feierabendbier und ein paar Kollegen steht, ist Mitte 30 und gehört zur Stammbelegschaft. Er ist immer noch fassungslos: „Mein Opa hat das Werk hier mit eigenen Händen aufgebaut“, sagt er. „Er würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, was hier gerade passiert.“

Der Mann kommt aus einer reinen VW-Familie, nicht nur der Großvater arbeitete im Werk, auch sein Vater. Wolfsburg ist seine Heimat, Volkswagen auch. Er ärgert sich über die Konzernführung: „Die wollten auf Teufel komm raus die Nummer eins der Welt sein. Jetzt ist das Lebenswerk vieler Menschen bedroht, wegen einer dreisten Lüge.“

Mehr als 70.000 Menschen arbeiten im Wolfsburger Werk. Es ist die größte Industrieanlage in Europa. Drei Schichten werden gefahren, früh, spät, nachts. 3800 Fahrzeuge laufen hier jeden Tag vom Band: Golf, Golf Sportsvan, Touran, Tiguan.

Noch ist unklar, wie viele Milliarden Euro die Abgasaffäre den Konzern genau kosten wird. Noch ist unklar, ob VWPersonal einsparen muss. Die größte Unsicherheit spürt ohnehin nicht die Stammbelegschaft: Am meisten zittern gerade Zeitarbeiter, Zulieferer, Fremdfirmen.

Die größte Unsicherheit spüren die Fremdfirmen

„Als erstes wird es uns treffen, die externen Firmen“, sagt ein Mann in den Mittvierzigern. Er schüttelt ungläubig den Kopf, umklammert die Bierflasche mit seinen aufgeschlissenen Fingern. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er als Handwerker für eine Fremdfirma im Werk – so wie auch 5000 andere Männer und Frauen. „VW nimmt keine Rücksicht auf die kleinen Firmen“, sagt er. „Bei den nächsten Aufträgen werden die ordentlich am Preis drücken.“ Das Stammpersonal bekomme hingegen einen goldenen Handschlag. „Bei denen wird schon jetzt über Abfindungszahlungen diskutiert“, sagt der Mann.

Bei einigen Zulieferern und Dienstleistern spürt man die Konsequenzen der Krise schon jetzt. Das Speditionsunternehmen Schnellecke etwa hat einen Einstellungsstopp verhängt. „Man hat den Super-Gau immer im Hinterkopf“, sagt eine Frau, Anfang 30, die bei einer externen Logistikfirma arbeitet. Sie hat Angst vor der Zukunft – im Jahr 2017 würden viele der Dienstleisterverträge auslaufen. „Wenn VWhier kaputt geht, dann geht mit uns ganz Wolfsburg, ganz Niedersachsen kaputt“, sagt sie.

Schon immer eine Symbiose: Porsche-Büste vor dem Wolfsburger Rathaus. Foto: Wermke

VW und Wolfsburg, das war schon immer eine Symbiose. Ohne das Werk würde es die Stadt nicht geben, es ist ein Ort aus der Retorte. Doch so sehr die Stadt in guten Zeiten von VW profitierte, so sehr leidet sie jetzt in der Krise. 2014 nahm Wolfsburg mehr als 300 Millionen Euro Gewerbesteuer ein, der Großteil kam von VW und seinen Zulieferern. Kaum eine Stadt in Deutschland nimmt so viel Gewerbesteuer pro Einwohner ein – kaum eine ist so abhängig von einem Unternehmen.

„Der Stadt geht der Arsch auf Grundeis“, sagt ein Mann in der Fußgängerzone, die hier natürlich Porsche-Straße heißt. „Schulprojekte werden gestoppt, sämtliche Infrastrukturmaßnahmen auch. Es ist ein Trauerspiel.“

Der Bürgermeister hat in dieser Woche bereits eine Haushaltssperre verhängt. Neue Projekte sind tabu, laufende Projekte werden überdacht, neue Leute nicht mehr eingestellt. Doch niemand glaubt in Wolfsburg an ein zweites Detroit, wo der Untergang von General Motorsdie Stadt mit in den Ruin trieb. Die Bürger empören sich zwar über den bewussten Vertrauensbruch, über die gezielte Täuschung. „Aber VW baut ja trotzdem noch tolle Autos“, sagt eine Passantin. Und man habe hier auch schon Schlimmeres überstanden. „Wir kommen aus der Krise raus“, sagt sie. „Und das stärker als zuvor.“

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„Ich möchte nicht von Konzernen kontrolliert werden“

Bayern gegen Barcelona: Da treffen Fußballwelten aufeinander – sportlich wie kulturell. Hier die reichen Deutschen, dort ein Klub, der hoch verschuldet ist. Barcelonas Vizepräsident Javier Faus erklärt, warum er darauf stolz ist.

Barcelona. Der Vizepräsident des FC Barcelona, Javier Faus, hat dem Handelsblatt drei Wochen vor dem Spiel gegen den FC Bayern ein Interview gegeben. Damals war noch nicht klar, dass die beiden Klubs schon im Halbfinale aufeinander treffen würden. Und schon gar nicht konnte Faus ahnen, wie grandios seine Mannschaft im Hinspiel der Champions League kicken würde (3:0). Dennoch hoffen die Münchner noch auf das Fußballwunder. Wunder ganz anderer Art beschreibt dagegen Faus. Nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich grenzt er seinen Klub deutlich vom FC Bayern ab. Und das, obwohl die Deutschen immerhin als reichster Fußballklub der Welt gelten.

Herr Faus, wie würden Sie die finanzielle Situation Ihres Vereins beschreiben?
Viel stabiler als im Jahr 2010, als meine Kollegen und ich in den Vorstand gekommen sind. Im Vergleich zu damals haben wir den Ebit (Gewinn vor Zinsen und Steuern) verdoppelt – mittlerweile liegt er bei 130 Millionen Euro. Gleichzeitig investieren wir und bauen Schulden ab.

Die Verbindlichkeiten sind mit 280 Millionen Euro aber immer noch sehr hoch…
Ja, aber wir sind vor fünf Jahren bei einem Schuldenstand von 431 Millionen Euro gestartet. Heute stehen wir bei 280 Millionen. Und nur etwa 100 Millionen davon sind Bankschulden.

Das ist trotzdem nicht ohne.
100 Millionen Euro Bankschulden sind nicht viel, wenn man ein Ebit von 130 Millionen Euro einfährt. Zudem haben wir eine neue Finanzregel eingeführt: Wenn wir ein Jahr mit einem Verlust abschließen, müssen wir das Minus in den nächsten zwei Saisons wieder einspielen. Und wir haben uns ein Schuldenlimit gesetzt: Das lag erst bei 3,25 Prozent vom Ebit, dieses Jahr darf es nicht mehr als 1,5 Prozent vom Ebit sein.

Der FC Bayern ist schuldenfrei, hat mehr als 400 Millionen Euro an Eigenkapital. Sind Sie neidisch auf die Münchner?
Nein, denn wir sind ein wahres Wunder in der Fußballwelt. Wir sind weltweit zusammen mit Real Madrid der einzige Club, der unabhängig ist. Wir haben keine multinationalen Konzerne im Hintergrund wie Bayern München. Wir haben keinen Scheich, wir haben keinen Milliardär oder eine Private-Equity-Gesellschaft. Wir haben nur uns selbst, unsere Fans und den Wert unserer Marke. Ich möchte nicht wie der FC Bayern von vier Konzernen kontrolliert werden. Das würde für uns heißen, dass unser Ausrüster Nike und der Trikotsponsor Qatar Airways uns kontrollieren – das will ich nicht. Wir sind sehr stolz darauf, dass bei uns die Fans die Kontrolle haben.

Aber rein finanziell gesehen muss Bayern doch ein Vorbild für Sie sein…
Wenn Sie auf den Nettogewinn schauen – da sind wir in den letzten Jahren besser als die Bayern. Wir sind zudem mehr wert als Marke, laut Forbes-Magazin liegen wir vor den Bayern. Also: Bayern ist für uns kein Beispiel.

Der Gewinn des letzten Jahres setzt sich doch vor allem aus den Verkäufen von ihren Spielern Thiago Alcântara, übrigens zum FC Bayern, und Cesc Fàbregas zusammen…
Sie haben Recht. Die Verkäufe von Fàbregas und Thiago machen allein 25 der 41 Millionen Euro Gewinn aus. Das ist für uns eine große Herausforderung.

Aber ist das Ihre Strategie: Gute Spieler verkaufen, um Gewinn einzustreichen?
Nein, absolut nicht. Transfers sind auch niemals mit der Finanzstrategie verbunden. Als Luis Enrique dieses Jahr als Trainer anfing, wurde er von Fàbregas gefragt, ob er gehen kann – und nicht andersrum. Bei Alexis Sánchez war es dieses Jahr das gleiche. Er wollte neue Herausforderungen, er wollte mehr Geld. Durch den Verkauf zu Arsenal werden wir wieder Gewinn machen, aber nicht so hoch wie im vergangenen Jahr. Das alles zeigt auch, wie die Gehälter der Spieler und die Transfersummen immer weiter steigen.

Können Sie denn mit den Gehältern von Vereinen wie Paris Saint-Germain oder dem FC Chelsea, die Millionengelder aus Katar und Russland bekommen, überhaupt mithalten?
Es ist sehr schwer. Das ist die große Herausforderung, der wir uns in der Zukunft stellen müssen. Daher sind wir Teil des Fifa Financial Fairplays. Wir begrüßen und unterstützen diese Initiative, dass man nur ausgeben kann, was man reinbekommt. Wir finden, dass es sogar noch ein bisschen härter sein könnte, denn es gibt einige Vereine, die die Vorgaben irgendwie doch umschiffen können.

Noch vor fünf Jahren hat Barcelona laut Wirtschaftsmagazin „Forbes“ die höchsten Gehälter bezahlt.
Heute tun wir das nicht mehr, Chelsea und Paris zahlen besser. Sie müssen verstehen: Spieler vergleichen immer ihr Nettogehalt. Was wir ihnen hier in Spanien zahlen hat die höchsten Steuerbelastungen in ganz Europa. Der Satz liegt bei 56 Prozent Einkommenssteuer in Barcelona, in Madrid liegt er bei 52 Prozent. Ein Spieler vergleicht sich immer mit der Premier League oder der Bundesliga auf Nettobasis. Das hat unsere Kosten extrem nach oben getrieben. Wir mussten unsere Gehälter stark erhöhen, um noch wettbewerbsfähig zu sein. Also ja: Wir verlieren Spieler nur wegen des Geldes.

Werden die Spielergehälter irgendwann aufhören zu steigen?
Nein, es wird immer weiter gehen. Ein Problem, dass wir für viele Jahre hatten: Dieses Team hat drei Mal die Champions League gewonnen und sie ist das Herz der spanischen Nationalmannschaft von 2010. Es sind neun Weltmeister in unserem Team. Natürlich haben all diese Spieler nach dem Titel ein Gehalt verlangt, dass sie in Topklubs in der Premier League oder der Bundesliga bekommen würden. Vielleicht sollten wir mehr Mittelklasse-Spieler haben – aber wir haben nun mal sehr viele hochklassige. Gute Spieler bedeuten auch hohe Gehälter. Das konnten wir kontrollieren, solange wir gute Spieler nicht ersetzen mussten. Denn dann hat man beides: die hohen Gehälter für die eigenen Spieler und hohe Summen für neue Transfers. Die Kosten sind ja auch gestiegen, weil wir dieses fantastische Team erneuern mussten.

Wie schwierig wird es, Topspieler wie Luis Suárez, Neymar und Lionel Messi langfristig zu halten?
Es wird herausfordernd, aber wir werden sie behalten. Wenn ein Klub allerdings die Stärke hat, uns diese Spieler wegzukaufen, dann kriegt er sie. Wir müssen uns anpassen an die neuen Marktumstände, an die Paris Saint-Germains und Chelseas. Wir können nicht einfach stehen bleiben. Die Spieler haben ein sehr kurzes Berufsleben und es ist ihr gutes Recht zu bekommen, was die anderen Klubs ihnen zahlen könnten. Nur weil wir als Verein noch anders sind, können wir nicht sagen: Bleib bitte hier, für das halbe Gehalt.

Letztes Jahr gab es einen Konflikt zwischen Ihnen und Messi. Er hatte einen Vertrag bis 2018 unterzeichnet und wollte nach kurzer Zeit das Gehalt erhöhen. Erst sagten Sie nein. Messi erklärte dann, dass Sie keine Ahnung von Fußball haben…
Womit er total richtig liegt (lacht). Wir haben dieses Missverständnis mit ihm und seinem Vater komplett gelöst, das Kapitel ist geschlossen. Er hat einen neuen Vertrag bekommen, der für uns beide Sinn macht. Wir haben nun beide mehr eine Art Partnerschaft. Wir helfen ihm, seinen Markenwert zu steigern und er hilft uns, die Barça-Marke weiterzubringen. Das war eine große Änderung im Vertrag.

Nach dem Champions-League-Sieg 2011 haben Sie 24 Millionen Euro Bonus an Ihre Spieler gezahlt – und gleichzeitig einen Jahresverlust von 20 Millionen eingefahren. Das hört sich für mich verrückt an…
Der Verlust kam vor allem wegen des Verkaufs von Zlatan Ibrahimović zustande. Der Preis, mit dem er in unseren Büchern stand, lag 14 Millionen über dem Preis, für den wir ihn an den AC Mailand verkauft haben. Das war der große Knick in der Bilanz. Die Bonussummen, die wir für Pokale und Meisterschaften zahlen, sind es immer wert. Man darf nicht nur auf ein Finanzjahr schauen. Man muss auf den langfristigen Markenwert und die Markenstärke schauen. Ohne Siege bekommen Sie keine Sponsoren, keine Zuschauer, keine Fernsehumsätze. Wenn Sie im nächsten Jahrzehnt wachsen wollen, müssen Sie gewinnen. Man muss um alle Titel mitkämpfen, in jedem Jahr. Man muss präsent sein, das ist wichtig für eine Marke. Und man braucht Kultspieler, die wir haben. Übrigens schreiben wir den Bonus als variables Gehalt schon in die Verträge – es ist also keine Überraschung für uns.

Was sind ihre langfristigen Ziele beim Umsatz?
Wir können 750 Millionen Euro erreichen in den nächsten fünf Jahren. Durch Marketing, durch regionale Partnerschaften – ein Feld, das bei uns gerade sehr stark wächst. Wir haben 25 regionale Partnerschaften und sind noch nicht einmal ein Zehntel des Markts angegangen. Wir sind eine globale Marke mittlerweile, wir beginnen gerade erst mit diesen Sponsorings. 2018 läuft der Vertrag mit Nike aus, der neue wird höher dotiert sein. 2016 läuft der Vertrag für das Trikotsponsoring von Qatar Airways aus, dort wird es auch mehr geben. Von der Champions-League-Vermarktung werden wir mehr bekommen. Wir werden auch mehr Geld von Fifa und Uefa bekommen, weil wir unsere Spieler bei EM- und WM-Turnieren spielen lassen.

In Deutschland haben Sie Allianz und Audi als Sponsor gewonnen, immerhin zwei Großsponsoren des FC Bayern.
Diese Konzerne haben ein sehr intelligentes Marketing. Audi hat nicht nur uns, sondern auch Real Madrid – um nicht den Markt zu kannibalisieren und nur die eine Fangruppe als potenzielle Käufer zu haben. Das ist sehr klug. Allianz ist auch ein sehr guter Partner.

Wann werden Sie endlich schuldenfrei sein?
Wir haben den Fans versprochen, die Renovierung des Stadions, die 600 Millionen Euro kostet, erst zu starten, wenn wir die Schulden unter 200 Millionen Euro gedrückt haben. Ohne die Stadionrenovierung würden wir die Schulden in vier Jahren komplett los sein. Aber wir wollen die Renovierung. Wir erwarten, dass wir 50 Prozent davon allein durch die Namensrechte reinbekommen. Der Club wird neue Schulden machen in den Jahren 2018 bis 2020, wenn wir das Stadion bauen. Bis 2025 sollen die Schulden dann komplett eliminiert sein, das ist unser 10-Jahre-Business-Plan.

Herr Faus, vielen Dank für das Gespräch.

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