„Man darf sich nicht verrückt machen lassen“

Islamisten planten einen Terroranschlag in Düsseldorfs Altstadt, der „Längsten Theke der Welt“. Manche Ladenbesitzer sind fassungslos, andere Düsseldorfer gelassen. Sie fürchten weniger den Terror als andere Gefahren.

Düsseldorf. Als Judith Mailahn das erste Mal von den Anschlagsplänen hört, schenkt sie einem Stammgast gerade ein Glas Wein ein. „Jetzt verstehe ich auch, warum hier so viele Polizisten rumgefahren sind“, sagt sie. Die 46-Jährige arbeitet im „Et Kabüffke“, einer Düsseldorfer Institution in der Altstadt, berühmt für Killepitsch, bitteren Kräuterschnaps. Abends ist die kleine Kneipe brechend voll. „Aber was soll‘s, du darfst dich nicht verrückt machen lassen.“

Hier wollten sie angeblich zuschlagen, die vier Islamisten, mit Sprengstoffgürteln und Gewehren. Hier, wo Hunderte Restaurants, Bars und Geschäfte auf engstem Raum nebeneinanderliegen. Manche der Ladenbesitzer sind fassungslos.

„Alle abschieben“, sagt einer von ihnen. „Wer für Terror nach Deutschland kommt, muss sofort wieder raus.“ Vor 25 Jahren kam er selbst aus der Türkei, heute betreibt der Kurde einen Tabakladen. „Wegen solcher Idioten haben viele Leute Angst vor mir.“ Schon länger spürt er den Rassismus, der mit jedem Anschlag wächst. Wenn er in den Bus einsteige, setzten sich manche Menschen in die letzte Reihe.

Vor dem „Dä Spiegel“ macht Claudia gerade Raucherpause. Sie hat schon von den Festnahmen gehört, doch die Bedienung in der Traditionskneipe demonstriert ihre Ruhe geradezu. „Wenn wir uns die Lebensfreude nehmen lassen, haben die gewonnen“, sagt sie mit Blick auf die Islamisten. Claudia zieht an der Zigarette. „Leben ist immer lebensgefährlich.“ Angst hat sie eher vor der „Panikmache“, die jetzt drohe.

Ihr Arbeitsplatz liegt direkt auf der Bolker Straße, Düsseldorfs größter Ausgehmeile in der Altstadt, der „Längsten Theke der Welt“. Jedes Wochenende fallen hier Scharen von Touristen ein. Terrorangst könnte ihnen nun die Feierlaune verderben.

David Pogatzki, 26, und Rik Derksen, 22, nippen gerade an ihrem Altbier, als sie von dem vereitelten Anschlag erfahren. Die beiden Geschichtsstudenten stehen vor dem „Uerigen“, einer von Düsseldorfs Hausbrauereien. Auf der Straße, die sich bis zum Rhein zieht, stehen bei gutem Wetter Hunderte Menschen, vor allem am Wochenende.

„Man kann genauso gut vom Bus überfahren werden“

„Es ist schon in so vielen Ländern was passiert“, sagt Pogatzki. „Vielleicht muss man sich an diese Bedrohung gewöhnen in der globalisierten Welt.“  Nur den Alltag, den dürfe man sich nicht davon bestimmen lassen. „Man kann genauso gut vom Bus überfahren werden“, sagt er. Die Vorurteile gegen Ausländer werde der Vorfall aber leider weiter schüren, meint sein Kommilitone Derksen. Bei Männern mit langem Bart würden die Menschen nun noch misstrauischer hingucken.

Von Angst will ein Mann, der in der Altstadt arbeitet, nichts wissen. Nein, Angst habe er nicht, sagt ein Pakistaner. Dann hätte er hier nicht so lange durchgehalten, zwischen all den Betrunkenen und Kriminellen. Die Schuld für den islamistischen Terror sieht er in der Einwanderungspolitik. „Sollen sie doch noch mehr Flüchtlinge aufnehmen“, sagt er. „Jetzt waren ein paar auffällig, wer weiß, wie viele es noch von denen gibt?“

„Ich schäme mich“, erklärt ein türkischer Ladenbesitzer in Düsseldorfs Alstadt. „Ich bin selbst Moslem. Aber dieser Terror, das hat mit Religion nichts mehr zu tun.“ Er kommt ursprünglich aus Istanbul, seit 25 Jahren lebt er in Deutschland. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen, aus Angst. Erst vor ein paar Wochen standen ein paar Männer in seinem Laden, alle mit langem Bart. „Sie sahen aus wie Salafisten“, erzählt er.

Er wollte ihre Meinung wissen zu Syrien, zum IS. Die Antwort: „Wieso, hast du ein Problem mit dem IS?“ Nicht persönlich, habe der Ladenbesitzer geantwortet. Aber er finde es schrecklich, dass dort Menschen einfach der Kopf abgeschlagen wird. „Dann haben sie mich böse angeguckt und sind sofort gegangen“, erinnert er sich. „Beim Rausgehen haben sie den Zeigefinger gehoben“, wie eine Drohung.

Co-Autor: Alexander Demling

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Millionen für Berliner Gastro-Start-up Orderbird

Das Kassen-Start-up Orderbird macht Kasse: Mehr als 20 Millionen Euro haben die Berliner in der jüngsten Finanzierungsrunde eingenommen. Unter den neuen Investoren ist auch der Handelsriese Metro.

Düsseldorf. Der kleine blaue Vogel, der das Logo von Orderbird ziert, fliegt immer höher und weiter: Das Start-up aus Berlin hat in der jüngsten Finanzierungsrunde mehr als 20 Millionen Euro eingenommen. Damit kann das Unternehmen, das schon länger die Nummer eins bei iOS-basierten Kassensystemen in Deutschland ist, seine Spitzenposition weiter ausbauen.

Das System ist einfach erklärt: Das iPad fungiert als Kasse, iPhones oder iPods ersetzen die teuren Funkboniergeräte der traditionellen Kassenanbieter. Orderbird liefert auch Bon- und Rechnungsdrucker sowie ein Kartenlesegerät. Alles in allem kostet ein Starterset 1500 Euro – weit weniger als bei klassischen Anbietern.

Ende des Jahres zählte das Start-up 5000 Kunden und 100 Mitarbeiter, ein knappes halbes Jahr später nutzen mehr als 6500 Restaurants, Bars, Clubs und Eisdielen das Tablet-Kassensystem, die Belegschaft ist auf 120 angeschwollen. Ende dieses Jahres sollen es sogar 200 Mitarbeiter werden. Es ist ein steiler Aufstieg: Erst im Jahr 2011 wurde Orderbird vom heutigen Firmenchef Jakob Schreyer und drei seiner Schulfreunde gegründet.

Die vier jungen Männer sammelten schon vor der Gründung mehr als 400.000 Euro ein, räumten Innovationspreise ab – schnell wurden auch große Player auf die kleine Ideenschmiede aufmerksam. In der ersten Finanzierungsrunde kamen rund 3,5 Millionen Euro zusammen, unter den Investoren war etwa auch Carsten Maschmeyer.

Finanzierungsrunde zwei brachte schon zehn Millionen Euro, nun kommt noch einmal das Doppelte rein, ein großer Teil davon von der Metro AG. Das Investment ist eine kluge Partnerschaft, für beide Seiten: Der Handelsgigant aus Düsseldorf kann damit seine Digitalisierungsstrategie in der Gastronomie vorantreiben, für Orderbird öffnet sich der Zugang zu 21 Millionen aktiven Großhandelskunden, die MetroCash & Carry weltweit betreut.

„Mit unserem Engagement in Orderbird gehen wir einen weiteren wichtigen Schritt, um unseren Kunden durch digitale Lösungen Vorteile zu erschließen“, erklärt Metro-Chef Olaf Koch. Orderbird will mit dem frischen Geld vor allem stärker im Ausland wachsen. In Österreich, der Schweiz, Großbritannien und Irland zählt das Unternehmen ebenfalls zu den führenden Anbietern. Nun soll der Markteintritt in Frankreich starten.

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„Die Entwicklung in Richtung einer NPD war absehbar“

Für Hans-Olaf Henkel war der Rechtsruck der AfD schon lange abzusehen. Mit seiner Partei Alfa will der Ex-AfD-Vize davon profitieren. Einig ist er mit der AfD nur in einer Sache: Merkels Flüchtlingspolitik muss korrigiert werden.

Hans-Olaf Henkel ist gerade ein gefragter Mann. Der Alfa-Abgeordnete hat zwar Sitzungswoche im Europaparlament, ist aber auch für seine Partei im Landtagswahlkampf unterwegs. Vor allem in Baden-Württemberg glaubt die Partei an den Einzug ins Landesparlament. Über seine ehemalige Partei AfD, die zuletzt vor allem mit der Forderung nach einem Schusswaffeneinsatz gegen Flüchtlinge aufgefallen ist, verliert Henkel hingegen kein gutes Wort mehr.

Herr Henkel, schmerzt es Sie als Gründervater nicht, in welche Richtung Ihre ehemalige Partei AfD gerade abdriftet?
Ich bin an diesen Schmerz gewöhnt. Das ist ja keine Überraschung für mich. Diese Entwicklung in Richtung einer NPD oder einer Partei wie dem Front National in Frankreich ist schon seit einiger Zeit abzusehen. Ich habe ja auch schon vor langer Zeit reagiert: Ich darf daran erinnern, dass ich zunächst innerparteilich und intern dagegen Stellung bezogen habe, als die Ausfälle von Höcke, Gauland, Poggenburg & Co. in den Medien erschienen, auch öffentlich. Als weitere Konsequenz habe ich dann meinen stellvertretenden Vorsitz abgegeben. Nach dem Essener Parteitag bin ich dann ganz ausgetreten und mit insgesamt fünf der sieben AfD-Abgeordneten des Europäischen Parlaments in die Alfa-Partei, der Allianz für Fortschritt und Aufbruch, eingetreten.

Aber die Entwicklung in letzter Zeit muss doch auch für Sie erschreckend sein…
Für mich ist das ein kontinuierlicher Prozess, der in den Aussagen von Frau Petry und Frau von Storch nur einen vorläufigen Höhepunkt gefunden hat – das war längst noch nicht alles.

Nicht einmal die NPD würde doch so plump auftreten, wie es die beiden Damen nun mit dem Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge getan haben…
Ich erlebe es hier im Europäischen Parlament: Die Empörung ist durch die Bank in allen Fraktionen groß. Interessanterweise lassen sich die beiden hier in Straßburg in den letzten Tagen nicht mehr blicken. Anscheinend sind sie abgetaucht, weil sie wissen, dass sie hier parteiübergreifend abgewatscht werden. Dieser Kritik wollen sie offenbar durch Aussitzen entgegen.

Warum verfangen solche Parolen offenbar bei so vielen Deutschen?
Das ist nicht spezifisch deutsch. Es gibt ein Potenzial für solch eine Art Partei in vielen Ländern Europas. Man muss aber auch festhalten, dass dieses Potenzial bei uns durch eine falsche Politik geradezu gefördert wird. Bei Alfa – und als wir Alfa-Leute noch in der AfD waren – haben wir uns schon früh darüber mokiert, dass zum Beispiel die  Kritik am Euro nicht gleichzusetzen ist mit Kritik an Europa. Und Kritik an der Flüchtlingspolitik ist nicht gleichzusetzen mit Kritik an Flüchtlingen selber. Aber genau das passiert natürlich.

Punkten Petry und von Storch am Ende sogar noch mit ihren Aussagen?
Die Aussagen über den Gebrauch von Schusswaffen auf Flüchtende an der Grenze sind ja nicht neu! Schon vor Monaten hatte der AfD-Vorsitzende von NRW und Lebensabschnittsgefährte von Parteichefin Petry, Marcus Pretzell, das gleiche gesagt, und der stellvertretende Bundessprecher Alexander Gauland hat später bei Ihnen im Handelsblatt diese Aussage auch noch gut geheißen! Die Wiederholung durch Petry und der expliziten Ausweitung auf Frauen und Kinder durch von Storch – die auf Kinder hat sie inzwischen zurückgenommen – erscheint klar kalkuliert, denn damit können sie bei den immer stärker werdenden Rechtsaußen in der Partei punkten. Auf der anderen Seite wird es viele moderate Leute abstoßen, die die AfD nicht mehr ernstnehmen.

Kann Alfa davon profitieren?
Davon gehen wir aus. Es ist ja ganz offensichtlich, dass durch die Politik des ständigen Linksrutsches von Frau Merkel auf der einen Seite und der dramatischen Radikalisierung der AfD auf der anderen Seite ein großes Potenzial für eine neue Partei entsteht. Und Alfa will bei den anstehenden Landtagswahlen genau dort hinein.

Sie sehen da eine klare Lücke?
Das sehen glaube ich alle. Ich erlebe es ja auch hier im EU-Parlament, wo Leute unter vier Augen, auch von der Europäischen Volkspartei sagen, dass zum Beispiel Merkels Flüchtlingspolitik nicht funktioniert. Es ist logisch, dass die Wähler dann nach einer Alternative suchen. Bisher hatten sie nur die AfD. Für Anständige geht das nun endgültig nicht mehr. Jetzt gibt es nur noch Alfa.

Was ist denn Ihre Lösung?
Auch wir sind der Meinung, dass die Flüchtlingspolitik von Frau Merkel falsch ist, dass sie Europa auseinandertreibt und Deutschland isoliert. Frau Merkel hat für den jetzigen Kuddelmuddel gesorgt. Eine einfache Lösung gibt es aber nicht. Wir haben schon vor Wochen ein Konzept vorgestellt, was auch schon von Teilen der CDU aufgegriffen worden ist. Zum Beispiel das Thema Obergrenze: Wir brauchen eine solche Grenze, aber sie muss sich zusammensetzen aus der Fähigkeit und Bereitschaft aller deutscher Kommunen.

Was heißt das genau?
Wir fragen die Kommunen ab, wie viele Flüchtlinge sie aufnehmen können und wollen. Die Summe aller Kommunen ist dann die nationale Obergrenze. Das ist ein basisdemokratischer Prozess: Die Kommunen vor Ort, die Bürger entscheiden von unten und nicht Frau Merkel von oben. Dadurch können auch die bereits überlasteten Kommunen entlastet werden. Wir haben ja heute in NRW schon einige Kommunen, die einen Ausländeranteil von über 40 Prozent haben. Das Entscheidende an dem Vorschlag: Es ist eine atmende Obergrenze, weil immer dann, wenn Deutschland in der Zukunft Zigtausende Flüchtlinge zurückschickt, was Frau Merkel ja neuerdings auch will, könnte man auch wieder neue Flüchtlinge aufnehmen, wenn die Kommunen dazu in der Lage sind.

Und das soll ernsthaft funktionieren?
Wir wollen es so machen wie andere Länder auch: Wir suchen uns die Flüchtlinge aus. Zurzeit, das sind die neuesten Zahlen der EU-Kommission, sind 72,3 Prozent der Flüchtlinge, die bei uns Asyl beantragen, Männer. Das führt nicht nur bei uns zu gewaltigen sozialen Konflikten – Stichwort Köln – es führt auch zu riesigen Problemen in den Herkunftsländern. Ich halte es für falsch, dass die  Männer ihre Frauen, ihre Töchter, ihre Mütter verlassen und ungeschützt lassen. Das sind gerade diese Länder, in den Frauen und Mädchen am meisten gefährdet sind – ich denke an die schrecklichen Übergriffe vom IS oder Boko Haram an Frauen und Mädchen. Als erste Stufe einer neuen Flüchtlingspolitik müssen wir die romantische deutsche Willkommenskultur durch eine realistische Hilfskultur für diejenigen ersetzen, die wirklich Hilfe brauchen.

Wie wollen Sie dafür andere Parteien im EU-Parlament überzeugen?
Wir sollten nicht auf europäische Lösungen warten, weil es überhaupt keine gibt. Die Staats- und Regierungschefs haben vor Monaten beschlossen 160.000 Flüchtlinge umzuverteilen. Davon umverteilt sind heute 272. Unser großer Freund Frankreich hat davon 19 übernommen. Wenn sich eine europäische Lösung nicht abzeichnet, müssen wir eben eine nationale finden. Das Dublin-Abkommen muss wieder in Kraft gesetzt werden, wir müssen in der Lage sein, Flüchtlinge wieder abzuweisen, ähnlich wie das die moralische Supermacht Schweden jetzt auch tut. Wenn sich das rumspricht, wird es dazu führen, dass diese Menschen sich nicht mehr auf den gefährlichen Weg zu uns machen.

Glauben Sie das wirklich? Die Menschen suchen sich dann eben andere Wege, um nach Europa zu kommen.
All den Leuten, die hier meinen, sie würden mit der Willkommenskultur Beispiele für gelebte Humanität abgeben, den muss ich mal folgende Frage stellen: Wissen Sie eigentlich, wie viele Menschen nur deshalb ertrunken sind, weil sie der Merkelschen Einladung gefolgt sind? Ich weiß es nicht, aber einige sind es bestimmt. Mein langjähriger persönlicher Freund, der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei, sammelt gerade Tausende von Schwimmwesten auf griechischen Stränden, um damit in Berlin mit einem daraus entstehenden Kunstwerk an diese Unglücklichen zu erinnern. Viele dieser Flüchtlinge haben sich nicht aus umkämpften Gebieten, sondern aus zwar sehr unkomfortablen, aber sicheren Lagern auf den gefährlichen Weg gemacht!

Aber wenn sie keine europäische Lösung sehen, sind Sie doch im Europäischen Parlament gerade falsch aufgehoben…
Aus der Sicht der nichtdeutschen Kollegen hat Frau Merkel aus dem Flüchtlingsproblem ein deutsches Problem gemacht. Frau Merkel hat sich erpressbar gemacht. Die Griechen setzen ihre versprochene Reform für das dritte Eurorettungspaket nicht in die Tat um, weil Merkel die Griechen jetzt bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise braucht. Frau Merkel hat ausgerechnet den Türken, die sich um Menschenrechte und Pressefreiheit immer weniger scheren, jetzt die beschleunigte Aufnahme in die EU in Aussicht stellen müssen. Diese Flüchtlingspolitik ist ein absoluter Wahnsinn. Daher brauchen wir eine Partei wie Alfa, die eine rationale und vernünftige Flüchtlingspolitik will, eine andere als alle Parteien im Bundestag, aber auch eine andere als die AfD.

Sind Sie jetzt die moderate Alternative für Deutschland?
Ich sage immer gern, wir sind die anständige und vernünftige Alternative.

Was rechnen Sie sich speziell in Baden-Württemberg für Chancen aus?
Entgegen aller Vorhersagen haben wir es geschafft, in allen 70 Wahlkreisen durch vernünftige Kandidaten vertreten zu sein. Überall haben wir die nötigen 150 Unterschriften sammeln und zertifizieren lassen. Das Wahlrecht dort macht es für neue Parteien sehr schwer. Auch in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt haben wir die nötigen Unterschriften zusammen. Nun sind wir in den Ländern unterwegs, auch Joachim Starbatty,  Bernd Lucke, Bernd Kölmel und Ulrike Trebesius machen Wahlkampf in diesen Ländern. Wir erwarten, dass wir es in den Landtag schaffen.

Und die AfD?
Die AfD ist verrottet zu einer Einthemenpartei. Praktisch die gesamte ökonomische Kompetenz ist jetzt bei Alfa, auch die entscheidenden und bekanntesten Familienunternehmer sind bei uns. Irgendwann wird den Baden-Württembergern klarwerden, dass sie eine Partei brauchen, die eine vernünftige Flüchtlingspolitik hat.

Klingt auch nach nur einem Thema.
Das Flüchtlingsthema überlagert doch alles! Wir haben aber auch eine andere Euro- und Europapolitik. Wir treten auch dem Vorschlag entgegen, das Bargeld abzuschaffen. Wir sind für eine Abschaffung der Erbschaftssteuer. Wir werden uns dem Begehren der Linken und Grünen entgegenstellen, die Vermögenssteuer wieder einzuführen. Wir sind technologiefreundlich und unterscheiden uns dadurch auch deutlich von den Grünen. Deutschland braucht eine neue Partei der Mitte. Wir hoffen, dass wir mit Alfa im Lauf der nächsten Jahre ins etablierte Parteienspektrum einziehen können.

Herr Henkel, vielen Dank für das Gespräch.

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„Das Lebenswerk vieler Menschen ist bedroht“

Die Abgas-Affäre war für VW bislang eine Managementkrise. Doch der Skandal trifft auch die einfachen Mitarbeiter: Die Belegschaft ist wütend auf die Führung – ebenso die Zulieferer. Ein Stimmungsbericht aus Wolfsburg.

Wolfsburg. Nachhaltigkeit, das ist ihnen hier ganz wichtig in Wolfsburg. In der Autostadt, dem künstlich angelegten Biotop für Volkswagenkunden, die ihr neues Auto selbst abholen, will der Konzern zeigen, wie grün er ist. In der Ausstellung „Green Level“ können Besucher ihren ökologischen Fußabdruck messen, einen virtuellen Wasserbach plätschern sehen oder sich über die Fortschritte in der Technik informieren.

„Der Kunde erwartet weltweit die gleiche Qualität“, heißt es in einem Video, das den Besuchern in einem Kino vorgesetzt wird. „Wir haben die Verantwortung, unsere Standards in die ganze Welt zu tragen.“ Sogar der zurückgetretene VW-Chef Martin Winterkorn taucht kurz auf.

Auf einer digitalen Infowand wird über die Vorzüge von TDI-Motoren informiert. Sparsam seien sie, hätten eine sehr gute Leistung und „geringe Emissionen“. Es sind jene Dieselantriebe, die VWin seinen Autos verbaut – und dessen Manipulation den Konzern gerade in seine größte Krise gesteuert hat. Die Ausstellung, die Filmszenen, Winterkorn: Das alles wirkt überholt – von der Wirklichkeit.

Auch wenn VW in der Autostadt versucht, den Alltag vorzugaukeln: Es liegt Anspannung in der Luft. Und Unsicherheit. Vor allem bei den Mitarbeitern.

Sparsam, geringe Emissionen: Wie VW seinen TDI-Motor in der Autostadt beschreibt. Foto: Wermke

Es ist später Abend, die Kollegen der Spätschicht kommen gerade aus dem Werk am Mittellandkanal. Über Unterführungen gelangen sie auf die andere Uferseite, zu den Parkplätzen, zum Bahnhof. Die beleuchteten Treppenaufgänge sind kameraüberwacht. Mit Journalisten reden darf hier niemand. Die meisten winken ab, schütteln den Kopf, halten sich den Zeigefinger vor den Mund. Und die wenigen, die das Schweigegelübde brechen, nennen ihre Namen nicht.

Etwa 200 Meter von einem der Unterführungen entfernt steht eine Kneipe, die „Tunnel-Schänke bei Bruno“, beliebt bei VWlern. Der Mann, der hier mit seinem Feierabendbier und ein paar Kollegen steht, ist Mitte 30 und gehört zur Stammbelegschaft. Er ist immer noch fassungslos: „Mein Opa hat das Werk hier mit eigenen Händen aufgebaut“, sagt er. „Er würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, was hier gerade passiert.“

Der Mann kommt aus einer reinen VW-Familie, nicht nur der Großvater arbeitete im Werk, auch sein Vater. Wolfsburg ist seine Heimat, Volkswagen auch. Er ärgert sich über die Konzernführung: „Die wollten auf Teufel komm raus die Nummer eins der Welt sein. Jetzt ist das Lebenswerk vieler Menschen bedroht, wegen einer dreisten Lüge.“

Mehr als 70.000 Menschen arbeiten im Wolfsburger Werk. Es ist die größte Industrieanlage in Europa. Drei Schichten werden gefahren, früh, spät, nachts. 3800 Fahrzeuge laufen hier jeden Tag vom Band: Golf, Golf Sportsvan, Touran, Tiguan.

Noch ist unklar, wie viele Milliarden Euro die Abgasaffäre den Konzern genau kosten wird. Noch ist unklar, ob VWPersonal einsparen muss. Die größte Unsicherheit spürt ohnehin nicht die Stammbelegschaft: Am meisten zittern gerade Zeitarbeiter, Zulieferer, Fremdfirmen.

Die größte Unsicherheit spüren die Fremdfirmen

„Als erstes wird es uns treffen, die externen Firmen“, sagt ein Mann in den Mittvierzigern. Er schüttelt ungläubig den Kopf, umklammert die Bierflasche mit seinen aufgeschlissenen Fingern. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er als Handwerker für eine Fremdfirma im Werk – so wie auch 5000 andere Männer und Frauen. „VW nimmt keine Rücksicht auf die kleinen Firmen“, sagt er. „Bei den nächsten Aufträgen werden die ordentlich am Preis drücken.“ Das Stammpersonal bekomme hingegen einen goldenen Handschlag. „Bei denen wird schon jetzt über Abfindungszahlungen diskutiert“, sagt der Mann.

Bei einigen Zulieferern und Dienstleistern spürt man die Konsequenzen der Krise schon jetzt. Das Speditionsunternehmen Schnellecke etwa hat einen Einstellungsstopp verhängt. „Man hat den Super-Gau immer im Hinterkopf“, sagt eine Frau, Anfang 30, die bei einer externen Logistikfirma arbeitet. Sie hat Angst vor der Zukunft – im Jahr 2017 würden viele der Dienstleisterverträge auslaufen. „Wenn VWhier kaputt geht, dann geht mit uns ganz Wolfsburg, ganz Niedersachsen kaputt“, sagt sie.

Schon immer eine Symbiose: Porsche-Büste vor dem Wolfsburger Rathaus. Foto: Wermke

VW und Wolfsburg, das war schon immer eine Symbiose. Ohne das Werk würde es die Stadt nicht geben, es ist ein Ort aus der Retorte. Doch so sehr die Stadt in guten Zeiten von VW profitierte, so sehr leidet sie jetzt in der Krise. 2014 nahm Wolfsburg mehr als 300 Millionen Euro Gewerbesteuer ein, der Großteil kam von VW und seinen Zulieferern. Kaum eine Stadt in Deutschland nimmt so viel Gewerbesteuer pro Einwohner ein – kaum eine ist so abhängig von einem Unternehmen.

„Der Stadt geht der Arsch auf Grundeis“, sagt ein Mann in der Fußgängerzone, die hier natürlich Porsche-Straße heißt. „Schulprojekte werden gestoppt, sämtliche Infrastrukturmaßnahmen auch. Es ist ein Trauerspiel.“

Der Bürgermeister hat in dieser Woche bereits eine Haushaltssperre verhängt. Neue Projekte sind tabu, laufende Projekte werden überdacht, neue Leute nicht mehr eingestellt. Doch niemand glaubt in Wolfsburg an ein zweites Detroit, wo der Untergang von General Motorsdie Stadt mit in den Ruin trieb. Die Bürger empören sich zwar über den bewussten Vertrauensbruch, über die gezielte Täuschung. „Aber VW baut ja trotzdem noch tolle Autos“, sagt eine Passantin. Und man habe hier auch schon Schlimmeres überstanden. „Wir kommen aus der Krise raus“, sagt sie. „Und das stärker als zuvor.“

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