Die Bayern sind entschlüsselt

Erinnerungen an die letzte Saison werden wach. Auch im vergangenen Jahr galten die Bayern schon früh als Meister. Nun hat Bayer Leverkusen gezeigt, wie der Rekordmeister aus München zu knacken ist.

Eigentlich war nach acht Spieltagen schon wieder alles klar: Bayern München wird in dieser Saison Meister in der Bundesliga – wer sonst? Wer soll denn diese Übermannschaft stoppen? Seit Sonntag weiß Fußball-Deutschland, dass zum Beispiel Bayer Leverkusen das kann. Dank einer starken Defensivleistung siegten die Leverkusener 2:1. Erinnerungen an die vergangene Saison werden wach. Auch vor einem Jahr wurde Bayern schon früh als Meister ausgelobt. Am neunten Spieltag hatte München fünf Punkte Vorsprung auf Mönchengladbach, sechs auf den BVB. Doch am Saisonende wurde Bayern bekanntlich nur Zweiter – mit einem Rückstand von acht Punkten auf Dortmund.

Natürlich lässt sich daraus nicht ableiten, dass sich nun alles wiederholt. „Die Niederlage wird uns nicht umwerfen“, sagte Trainer Jupp Heynckes. „Wir werden die Lehren daraus ziehen.“ Doch auch die Konkurrenz wird das tun. Leverkusen hat gezeigt, dass auch die Bayern nicht unbesiegbar sind. Mit einer extrem defensiven und auf Konter lauernden Taktik kann man den Rekordmeister stoppen – und mit etwas Glück, das Leverkusen hatte, sogar besiegen.

Die Elf von Sascha Lewandowski stand sehr tief in der eigenen Hälfte, mit zwei Viererketten vor dem Strafraum. Stoßen sie auf solch eine Taktik, haben es selbst Kreativspieler wie Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos schwer, den entscheidenden Pass zu spielen. Stürmer Mario Mandzukic kam kaum zum Zug, zu eng, zu kompakt standen die Leverkusener um den Strafraum. „Wir hatten nicht die richtigen Spielzüge, um die Abwehr zu überwinden“, sagte Torhüter Manuel Neuer. Hinzu kam, dass den Bayern die Leichtigkeit fehlte. Es gab überraschend viele Fehlpässe und Ungenauigkeiten. Zu langsam war auch ihr Umschaltspiel, während Leverkusen bei Kontern die Schwächen der Münchner aufdeckte. Beide Treffer fielen nach Gegenstößen.

Bayern bleibt trotz der Niederlage weiterhin der Meisterkandidat Nummer eins

Die Bundesliga ist durch den vergangenen Spieltag wieder spannender geworden. Den Nimbus der Unbesiegbarkeit, der den Bayern seit Saisonbeginn anhaftete, ist weg. Trotzdem sollte die Konkurrenz aus Schalke und Dortmund bedenken: Der Kader ist in diesem Jahr noch stärker und vor allem breiter aufgestellt. Fast auf jeder Position hat Jupp Heynckes zwei Topleute zur Verfügung, kann nach Belieben rotieren. Trotz der Niederlage bleibt Bayern Meisterkandidat Nummer eins.

Aber es gibt jetzt zumindest ein Rezept, eine Taktik, die zum Erfolg führen kann. Am Samstag müssen die Münchner zum HSV. Dessen Trainer und Ex-Bayer Thorsten Fink wäre gut beraten, seiner Mannschaft ein paar Videos zu zeigen – Videos von Leverkusens Mauertaktik.

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Vom Dschungel an den Rhein

Altstar Ailton machte zuletzt eher durch seinen Abstecher in den RTL-Dschungel Schlagzeilen. Nun heuert der 39-Jährige bei Hassia Bingen an – in der sechsten deutschen Liga.

Nur ausgewiesene Experten werden diese Stadt bis vor kurzem mit Profifußball in Verbindung gebracht haben: Bingen am Rhein. Hier begann Jan Schlaudraff, Hannover 96, seine Karriere. Spielte sechs Jahre bei der Hassia – bis er 2002 zu Mönchengladbach wechselte.

Seit Sonntag hat die Stadt eine neue Attraktion. Nicht, dass Mäuseturm, Basilika und Hildegard die Heilige keinen Besuch wert wären. Aber seit Sonntag haben sie Ailton. Den Ailton, der einmal ein großer Spieler war. Meister und Pokalsieger mit Bremen, Bundesliga-Torschützenkönig, das war alles 2004. Danach folgte der leise Abstieg. Bei Schalke lief es noch gut, bei Besiktas Istanbul und dem HSV eher weniger.

Zuletzt spielte er für den KFC Uerdingen und den FC Oberneuland. Nach kurzen Abstechern in die zweite brasilianische Liga und ins RTL-Dschungelcamp jetzt also Hassia Bingen, sechste Liga, vergangene Saison Platz elf in der Verbandsliga Südwest.

„Ailton kann ein Vorbild für die Jugend werden“, sagte Oberbürgermeister Thomas Feser dem Tagesspiegel, „ein Motivator und Hoffnungsträger für die ganze Stadt.“ Wenn er sich mit seiner Erfahrung einbringe, den Spielern Tricks weitergebe, sei das schon ein Erfolg. „Und wer weiß, vielleicht steigen wir dank seiner Tore ja wieder in die Oberliga auf.“

Ein Jahr wird Ailton mindestens in Bingen spielen. Bei seiner offiziellen Vorstellung mit Autokorso und Cheerleadern in der Innenstadt, genoss der Brasilianer das Bad in der Menge. „Heute alles schön“, sagte Ailton auf dem Marktplatz in die Kameras und unterschrieb fleißig Autogramme für Hunderte Fans. „Besser wie früher in Bremen und Schalke.“

Die Verpflichtung des 39-Jährigen könnte Bingen nicht nur mehr Zuschauer und Sponsoren bringen – sondern den Amateursport an sich aufwerten. „Bei so viel Bundesliga und Champions League vergisst man schnell, dass die Talente auch irgendwo herkommen müssen“, sagt Bürgermeister Feser. Vereine wie Hassia würden die Jugendlichen ausbilden, „vielleicht bekommen wir das durch Ailton mehr in den Mittelpunkt gerückt.“

Bingen am Rhein: Neubaugebiete, ausgeglichener Haushalt, jetzt Ailton

Feser genießt es, dass seine Stadt mal in aller Munde ist. Neubaugebiete, ausgeglichener Haushalt, jetzt Ailton. Stolz ist er – auch auf Eugen Polanski. Der Profi von Mainz 05 lebt nämlich ebenfalls in Bingen, „mit Rheinblick“, betont Feser.

Ob sich Ailton auch solch eine exklusive Lage leisten kann? Über die finanziellen Details des Deals schweigt sich Hassia bisher aus. Nur eins ist klar: Der Verein zahlt keinen Cent, der Transfer wurde komplett von privaten Gönnern und Sponsoren bezahlt. Noch wohnt Ailton im Hotel, hat sich aber schon einige Wohnungen angeschaut. „Es wäre ein schönes Zeichen, wenn er auch zu uns zieht“, sagt Feser.

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Der aussterbende Bundesliga-Dino

Kann der HSV Abstiegskampf einfach nicht? Der Bundesliga-Dino muss nach dem 0:4 bei Hoffenheim weiter zittern. Hamburg droht nach 49 Jahren im Oberhaus der erste Abstieg der Vereinsgeschichte.

„Das war eine Katastrophe, das darf uns nicht passieren“, sagte Hamburgs Kapitän Heiko Westermann nach dem Spiel. „Wir müssen dieses Spiel schnell vergessen“, meinte auch Sportdirektor Frank Arnesen. „Am Samstag gegen Hannover haben wir das nächste Endspiel. Da müssen wir eine ganz andere Mannschaft sehen.“ Ankündigungen, die man in den vergangenen Wochen immer wieder hörte. Von Arnesen – und vor allem von Hamburgs Trainer Thorsten Fink.

Was hatte der neue Coach den Hamburger Fans bei seinem Antritt Mitte Oktober 2011 nicht alles versprochen: Unterhalten wollte er mit seinem Team, begeistern, offensiv spielen. „Ich weiß, was die Mannschaft zu einem gewissen Zeitpunkt braucht, das ist meine Qualität“, sagte er bei seiner Vorstellung. Große Töne – damals stand der HSV auf dem letzten Tabellenplatz. Zwar haben die Hamburger den mittlerweile verlassen, kletterten zwischenzeitlich sogar auf Platz zehn. Doch das Abstiegsgespenst geht vier Spieltage vor Saisonende wieder um in der Hansestadt. Nach der Niederlage gegen Hoffenheim haben die Rothosen weiter nur zwei Punkte Abstand auf den Relegationsplatz.

Fink will mit dem HSV eigentlich um die
Champions League mitspielen

Dabei kam Fink mit so hochtrabenden Zielen in den Norden. In der kommenden Saison wollte er schon wieder um die Qualifikation für das europäische Geschäft mitspielen. „In zwei, drei Jahren wollen wir auch die Champions League anpeilen“, sagte er noch im Januar. Doch davon sind die Hamburger meilenweit entfernt. Verdrehte Welt in Sinsheim am Mittwochabend: Die Hoffenheimer haben nach dem 4:0-Sieg (2:0) sogar wieder Chancen auf den europäischen Wettbewerb, nur vier Zähler fehlen bis zum Qualifikationsplatz für die Europa League. Hoffenhein ist dort, wo Hamburg eigentlich stehen wollte.

Kann der HSV Abstiegskampf einfach nicht? Die Fans sind einiges gewohnt aus den vergangenen Jahren. Doch so schlecht stand es um den Bundesliga-Dino schon lange nicht mehr. Hamburg ist Gründungsmitglied der Bundesliga, als einziges Team noch nie abgestiegen. Sechs Mal deutscher Meister, dreimal Pokalsieger, einmal Europapokal der Landesmeister. Doch der letzte Titel ist 26 Jahre her. Trotzdem prangt sie voller Stolz in der Hamburger Arena: eine Uhr, die jede Sekunde in der ersten Liga zählt. Seit 48 Jahren und 232 Tagen Oberklasse. Wird diese Uhr bald Geschichte sein?

HSV-Grabstein auf dem Friedhof nahe der Arena.

Stirbt der Liga-Dino bald aus? Noch ist es nicht zu spät, vier Spieltage haben die Rothosen noch Zeit für die Rettung.

Es ist gar nicht lange her, da zählte Hamburg noch zu den besten Mannschaften in Europa. 2006 wurden die Rothosen Dritter in der Liga, 2008 immerhin Vierter. 2009 spielten die Hamburger unter Trainer Martin Jol noch die beste Saison seit 26 Jahren: Halbfinale im DFB-Pokal, Halbfinale im Uefa-Cup. In beiden Turnieren schied man gegen Erzrivale Werder Bremen aus. Auch ein Jahr darauf scheiterte Hamburg in der ersten Saison der Europa League erst im Halbfinale, damals gegen den FC Fulham. Seitdem ging es stetig bergab. Trainer gingen schneller als sie kamen. Querelen in Vorstand und Aufsichtsrat sorgten für Schlagzeilen.Den neuen Trainer wollen sie in Hamburg eigentlich lange behalten. Mit dem Team Fink/Arnesen sollte endlich etwas Beständiges aufgebaut werden. Finks Vertrag läuft bis zum Sommer 2014, eine Ausstiegsklausel gibt es nicht. Doch was passiert, wenn es tatsächlich in die zweite Liga gehen sollte? Daran will in Hamburg momentan noch niemand denken.

Für Trainer Fink zählt nur das nächste Spiel. „In Hannover müssen und werden wir uns anders präsentieren“, sagte er Mittwochabend. Beim Nordderby gegen den vermeintlichen „kleinen HSV“ Hannover muss der Dino zeigen, ob er bald ausstirbt – oder die Uhr nach der Sommerpause wie gewohnt das nächste Jahr anzeigt, es wäre das 50.

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Der nächste Ausstieg

Die Bundesregierung sieht in Gentech-Pflanzen weiter Zukunftsprodukte. Doch die Anbauflächen schrumpfen, Bundesländer lehnen die grüne Gentechnik ab. Firmen und Forscher flüchten.

Vorsichtig zieht Hans-Jörg Jacobsen seinen Schatz aus dem Regal. Der unscheinbare Karton enthält die Früchte langjähriger Arbeit: Erbsen mit besonderen Eigenschaften. Würde man sie einpflanzen, könnten einige von ihnen einem Pilz widerstehen, der herkömmlichen Erbsen den Garaus macht. Andere sind viel resistenter gegen Fraßinsekten als ihre unmanipulierten Verwandten.

Jacobsen, Professor am Institut für Pflanzengenetik der Universität Hannover, hat die neuartigen Hülsenfrüchte mit Hilfe der Gentechnik entwickelt – erst im Labor, dann im Gewächshaus. Der nächste Schritt wäre der Test unter realen Bedingungen, draußen auf den Feldern des Instituts.

Doch der 62-jährige Forscher muss die Erbsen im Karton lassen. Ausgesät werden sie in Deutschland wohl nie. Zu streng fallen die staatlichen Auflagen aus, zu groß ist das Risiko, dass radikale Gentechnikgegner die teuren Versuchsflächen zerstören. “Freilandversuche sind hier einfach nicht mehr machbar”, sagt der Wissenschaftler.

Wer in Deutschland gentechnisch veränderte Pflanzen anbauen will, muss mit jeder Menge Widerstand rechnen, nicht nur in Hannover. Eine große Mehrheit der Deutschen steht der Technik reserviert gegenüber. Kein Landwirt sät noch Getreidesorten oder Feldfrüchte aus, deren Erbgut gentechnisch verändert ist, Pflanzenzüchter verlagern ihre Forschung ins Ausland. Umweltverbände setzen darauf, dass Deutschland nach der Atomkraft bald auch aus der grünen Gentechnik aussteigt.

Im Jahr 2008 bauten deutsche Landwirte noch auf 3168 Hektar gentechnisch veränderte Pflanzen an. Auch das war nicht viel bei 12 Millionen Hektar Ackerfläche. Inzwischen sind es aber nur noch zwei Hektar, und die wachsen in einem Schaugarten im Auftrag der Industrie. Auch die Forschungsfläche nimmt ab – von 36 Hektar im Jahr 2008 auf heute nur noch 7,3 Hektar. Das Gesamtareal für Gentech-Pflanzen in Deutschland ist nur noch halb so groß wie die Binnenalster in Hamburg. Unter den 29 Nationen, die kommerziell genveränderte Pflanzen anbauen, belegte Deutschland 2010 den letzten Platz.

“In Deutschland befinden wir uns auf einem guten Weg” Dirk Zimmermann, Greenpeace

Dabei hat die schwarz-gelbe Bundesregierung bei ihrem Start die grüne Gentechnik als “wichtige Zukunftsbranche für Forschung, Wirtschaft und Landwirtschaft” gepriesen. Genveränderte Pflanzen hätten ein “großes Potential”, sagt Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) unverdrossen. Ihre “Nationale Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030″, in die 1,4 Milliarden Euro fließen, weist der Pflanzenbiotechnologie eine zentrale Rolle für Welternährung und Bioenergie zu – in der Praxis aber sieht es anders aus.

Schon Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte versucht, den Deutschen die Gentech-Pflanzen näherzubringen. Trotz des Widerstands der Grünen machte Schröder ihren kommerziellen Anbau möglich. Die damalige Oppositionsführerin Angela Merkel versprach, die Entwicklung weiter zu forcieren.

Doch als Kanzlerin hat sie ihr Versprechen nicht eingelöst, im Gegenteil. Umweltverbände und Initiativen, die seit Jahren gegen die Technologie kämpfen, sehen sich auf der Gewinnerspur. “In Deutschland befinden wir uns auf einem guten Weg”, sagt Dirk Zimmermann, Gentechnikexperte der Umweltorganisation Greenpeace, die grüne Gentechnik rundweg ablehnt. “Wir sind zwar noch nicht arbeitslos, aber wir haben in Deutschland schon sehr viel erreicht”, sagt Jutta Sundermann von “Gendreck weg”, einer Initiative, die mit sogenannten Feldbefreiungen Pflanzen auf vielen Anbauflächen zerstört hat.

Die Umweltschützer argumentieren, dass gentechnisch veränderte Pflanzen ökologische Risiken bergen und Bauern vom Saatgut multinationaler Konzerne abhängig machen. Zudem könnten über den Pollenflug herkömmliche Pflanzen “kontaminiert” werden. Während Länder wie die USA, Indien und Brasilien auf insgesamt 148 Millionen Hektar erbgut-manipulierte Pflanzen setzen, boomt in Deutschland der Verkauf von Biolebensmitteln, die mit dem Slogan “Ohne Gentechnik” beworben werden.

“Gerade die Gegner verhindern, dass weiter geforscht wird” Genetikprofessor Jacobsen

Jede Fläche, auf der in Deutschland unter freiem Himmel genveränderte Pflanzen wachsen, muss im sogenannten Standortregister fein säuberlich aufgelistet werden. Radikale Gentechnikgegner nutzen es als Navigationssystem. Erst Anfang Juli haben sie in Groß Lüsewitz bei Rostock und in Üplingen (Sachsen-Anhalt) Wachleute in die Flucht geschlagen und Versuchsfelder zerstört. Schaden: mehrere hunderttausend Euro. Das Bundesforschungsministerium hatte die Projekte gefördert, um neue Verfahren für die Sicherheitsbewertung zu entwickeln.

“Das ist doch schizophren”, sagt Genetikprofessor Jacobsen. Gerade die Gegner würden anprangern, wie wenig man über die Technologie wisse. “Gleichzeitig verhindern sie aber, dass geforscht wird.” Doch das Register lässt sich nicht wieder abschaffen, denn die Bundesregierung hat gelobt, dass es bei der Gentechnik “transparent” zugehen muss.

Noch gravierender als Sabotage ist für Forscher und Gentechnikfirmen der legale Widerstand gegen ihre Arbeit. Selbst die einst fortschrittsbegeisterte CSU geht nun hart gegen die grüne Gentechnik vor. Zu seiner Zeit als Bundeslandwirtschaftsminister war der heutige Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Horst Seehofer bei Gentechnikgegnern noch als “Genhofer” verschrien. Um umweltbewusste Wähler von den Grünen abzuwerben, verwandelt Seehofer nun ganz Bayern in eine gentechnikfreie Zone. Der Protest der Technischen Universität München, die am Agrarforschungszentrum Weihenstephan Versuche abbrechen musste, änderte daran nichts.

Zum neuen Brennpunkt des Konflikts entwickelt sich Rheinland-Pfalz, wo die BASF mit ihrer Tochterfirma Plant Science sitzt. Seit Mitte Mai regieren die Grünen in Mainz mit, das Nein zur grünen Gentechnik ist im Koalitionsvertrag verankert. “Diese Technologie ist einfach nicht im Griff zu halten”, sagt Umweltministerin Ulrike Höfken, 56. Höfken redet zwar von Dialog mit der BASF, setzt aber darauf, dass das Thema bald vom Tisch ist. “Asbest und Holzschutzmittel haben am Ende auch verloren”, sagt sie.

Die Politik sagt der Technik in vielen Bundesländern den Kampf an

In Baden-Württemberg hat die grün-rote Regierung den Kampf gegen diese Technik ebenfalls zum Koalitionsprojekt erhoben. Die Landtage in Thüringen, Bremen und Nordrhein-Westfalen haben mehrheitlich gegen Gentech-Anbau auf Landesflächen votiert. Auf Bundesebene tut sich Forschungsministerin Schavan schwer gegen Agrarministerin Ilse Aigner (CSU), die weitgehend im Sinne Seehofers agiert. Aigner unterband den Anbau der Genmaissorte MON810 des US-amerikanischen Monsanto-Konzerns mit dem Argument, von den schädlingsresistenten Pflanzen gehe eine “Gefahr für den Verbraucher” aus. Als Nächstes will sie es den Bundesländern ermöglichen, Abstände zwischen Feldern mit gentechnischen und konventionellen Pflanzen selbst festzuschreiben. Das kommt einem Vetorecht gegen Gentechnik gleich: Große Mindestabstände machen es Bauern praktisch unmöglich, genverändertes Saatgut auszubringen.

Die einzige Gentech-Pflanze, die momentan kommerziell auf einem deutschen Feld angebaut wird, ist die Amflora-Kartoffel von BASF. Sie soll Stärke für die Papierherstellung liefern. Doch im Konzern wird längst diskutiert, ob Gentechnik am Standort Deutschland überhaupt noch eine Zukunft hat. Auf Versuchsfeldern in Schweden leistete sich das Unternehmen im vergangenen Jahr eine peinliche Schlamperei, Saatkartoffeln wurden vertauscht, so kamen nicht zugelassene Pflanzen auf den Acker. Das hat die Zukunftsaussichten der Amflora-Kartoffel, in die BASF Hunderte Millionen Euro investiert hat, weiter verschlechtert. Der Bayer-Konzern ist mit seiner biotechnologischen Pflanzenforschung bereits nach Belgien abgewandert.

Dabei hatte die grüne Gentechnik ihren Ursprung auch in Deutschland. Anfang der achtziger Jahre wurde in den Treibhäusern des Max-Planck-Instituts für Pflanzenzüchtungsforschung in Köln eine der ersten gentechnisch veränderten Pflanzen der Welt entwickelt.

“Ein Beitrag, um das Welternährungsproblem zu lösen” Lothar Willmitzer, M.P.-Institut

Ein Vertreter dieser ersten Stunde ist Lothar Willmitzer, 59. Er ist heute geschäftsführender Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam-Golm. Auch in Potsdam wurden Felder zerstört, seit 2007 gibt es keine Freilandversuche mehr. Willmitzer bedauert, dass es für die grüne Gentechnik in Deutschland so düster aussieht. Zwar sei sie nicht die einzige Lösung, um das Welternährungsproblem der Zukunft zu lösen: Aber sie könne einen “ganz wichtigen Beitrag” liefern.

In Südostasien soll in zwei Jahren der “Golden Rice” auf den Markt kommen. Das Saatgut dieser speziellen Reissorte weist einen erhöhten Betacarotin-Wert auf. Das seit Jahren gepflegte Heilsversprechen, der Reis werde Tausende mangelernährte Kinder vor Erblinden und Tod retten, geht damit in den Praxistest. Willmitzer hofft, dass es “dann schwieriger für Kritiker wird, die Technologie schlechtzureden”.

In Deutschland führen Befürworter neuerdings den Klimawandel, der Pflanzen erheblich unter Stress setzen könnte, als Argument für Gentechnik an. “Viele der heimischen Agrarpflanzen sind nicht an den Klimawandel angepasst”, sagt Genetiker Jacobsen. Sein Projekt, zum Beispiel Ackerbohnen toleranter gegen Trockenheit zu machen, sieht er als Beitrag dazu an, die Welternährung trotz steigender Temperaturen sicherzustellen.

Auch auf den Ausbau der erneuerbaren Energien setzen Gentechnikbefürworter. “Die Gentechnik ermöglicht es uns, neue Pflanzen als Bioenergiequelle und für die Gewinnung von Chemikalien einzusetzen”, sagt Ricardo Gent, Geschäftsführer der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie. Schnell wachsende Pflanzen, deren Energie sich in Bioraffinerien leicht nutzen lasse, bezeichnet Gent als große Chance. Darauf zielt auch Schavans “BioÖkonomie”-Initiative.

Bio ist cool, Gen ist scheiße

Doch bisher haben es weder die Forschungsministerin noch Wissenschaftler und Firmenchefs geschafft, die Bevölkerung von der grünen Gentechnik zu überzeugen. Der US-Konzern Monsanto gilt als Symbol für industrialisierte, umweltfeindliche Landwirtschaft. Forscher, die sich mit Gentechnik befassen, stehen unter dem Generalverdacht, Konzernen wie Monsanto zuzuarbeiten.

Wer in der Branche arbeitet, ist es gewohnt, verteufelt zu werden. Nur die Kernenergie hat einen noch schlechteren Ruf. “Man muss sich immer verteidigen”, sagt Stefanie Wrobel, 27, die in Hannover Pflanzenbiotechnologie studiert. Sie sieht große Vorzüge der grünen Gentechnik: “Früher mussten Pflanzen aufwendig gezüchtet werden, heute suchen wir uns das gewünschte Gen einfach aus”, sagt Wrobel. Die Studentin wünscht sich eine differenzierte Diskussion, sieht sich aber hauptsächlich mit Stereotypen konfrontiert: “Bio ist gerade cool, Gen ist scheiße.”

Allerdings landet auf den Tellern der Bundesbürger vieles, was Gentechnikprodukte enthält. Ein Großteil der Soja- importe für Tierfutter sind gentechnisch verändert. Nahezu jeder Käse ist mit einem gentechnischen Enzym in Kontakt gekommen. Bei Softdrinks setzen Hersteller auf Zucker aus gentechnischen Verfahren. Gentechnikbefürworter fordern eine umfassende Kennzeichnung. Sie setzen darauf, dass der Widerstand abebbt, wenn die meisten Supermarktprodukte und sogar Käse vom Biohof mit dem Label “Gentechnik” versehen wären.

Für Studentin Wrobel würde selbst das zu spät kommen. Gerade haben sie und ihre Kommilitonen sich auf Stellen für die Zeit nach dem Studium beworben – überwiegend im Ausland. Und auch Gentechniker Jacobsen zieht es weg. Wenn er in drei Jahren 65 ist, will er seine Forscherkarriere in Nordamerika fortsetzen, um seine Erbsen dort wachsen zu sehen.

Co-Autor: Christian Schwägerl

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