Polit-Pop bei der SPD

In Essen feiert die NRW-SPD ihren pompösen Wahlkampfauftakt – und lässt sich von den CDU-Gerechtigkeitsattacken nicht beeindrucken. Die Sozialdemokraten um Regierungschefin Hannelore Kraft schalten auf Gegenangriff.

Essen. Flackernde Spots, Lichtorgeln, vier Großleinwände: Die Bühne in Essen ist bereit fürs Popkonzert. „Liebe ist meine Religion“ singt Frida Gold, „Wovon sollen wir träumen“, „Wir sind zuhause“. Mehr als drei Songs gibt es aber nicht von der Band, selbst ein Ruhrpott-Gewächs. Denn der Hauptact ist heute die Politik. Die SPD feiert ihren Wahlkampfauftakt in Nordrhein-Westfalen. Die Stars sind NRW-Regierungschefin Hannelore Kraft und Kanzlerkandidat Martin Schulz.

Mit dabei ist die gesamte Führungsriege der Bundespartei: Vizekanzler Sigmar Gabriel, Hamburgs Regierungschef Olaf Scholz, seine rheinland-pfälzische Kollegin Malu Dreyer, Bundestagsfraktionschef Thomas Oppermann. Die SPD-Granden zeigen Gesicht, beweisen, wie wichtig NRW ihnen ist. Gerade jetzt, nach der Niederlage im Saarland, wo die Wähler sich auch aus Angst vor Rot-Rot mehrheitlich für die CDU entschieden haben.

Wo ginge der Neustart das besser als in der alten Sauger- und Kompressorenhalle der Kokerei, Zeche Zollverein, das größte Stück Industriekultur, das NRW zu bieten hat. Auf dem Gelände haben Männer jahrzehntelang im Kohlestaub geschuftet, die „hart arbeitenden Menschen“, die Parteichef Schulz gern in seinen Reden erwähnt. Die „Grand Hall“, seit Januar eine Eventlocation, wird auf beiden Seiten noch immer von schweren grünen Maschinen flankiert.

SPD-Granden in Essen: Die Parteiführung aus Berlin zeigt, wie wichtig das größte Bundesland ihnen ist. Foto: Wermke

Dann rückt die Parteiprominenz in die Halle ein. Hannelore Kraft, rotes Jackett und Selfiekamera in der Hand, läuft zusammen mit Schulz in Richtung Bühne, aus den Lautsprechern hämmert „I’ve got the Power“, ich habe die Kraft. Der ganze Saal steht, minutenlanger Jubel. Alles hier fühlt sich an wie eine vorgezogene Wahlparty. Die Partei ist beflügelt von den Umfragen, liegt derzeit mit 37 Prozent komfortable sieben Prozentpunkte vor der CDU.

Noch sind die Attacken der CDU frisch, die sich einen Tag zuvor in Münster zum Landesparteitag getroffen hat. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Spitzenkandidat Armin Laschet hatten die SPD in die linke Ecke geschoben, ihr vorgeworfen, eine überholte Vorstellung von Gerechtigkeit zu haben. „Sie reden von Gerechtigkeit – aber vergessen, dass Gerechtigkeit ohne Innovation nicht klappt“, erklärte Merkel.

Schulz antwortet darauf in Essen direkt: „Gerechtigkeit ist seit 154 Jahren unser Markenkern“, sagt er in seiner Rede. Innovation hingegen sei nichts für Sonntagsreden. „Innovation braucht man jeden Tag. Sie beginnt in der Kita, in der Ganztagsschule, in der Gebührenfreiheit von Universitäten, wo es dann nicht mehr der Professorentitel der Eltern oder das Einkommen eines Managers einfacher machen, sondern alle Kinder die gleichen Chancen erhalten.“ Schulz schafft es, Merkels Attacke sofort umzudrehen: „Der Begriff Innovation und Gerechtigkeit war auch der, mit dem Helmut Kohl 1998 im Kanzleramt abgelöst wurde.“

„Irrsinn der Konservativen“

Sigmar Gabriel spricht über den „Irrsinn der Konservativen“, die gleichzeitig Steuersenkungen und Investitionen in Bildung, Familien und Rüstung versprechen. „Das ist unseriöse Politik“, sagt er. Das eine oder das andere werde nicht stattfinden.

Auch Hannelore Kraft schießt sich auf den politischen Gegner ein. Die CDU präsentiere veraltete Zahlen, sie jazze jedes „Kinkerlitzchen“ zum Skandal hoch. „Das ist Ablenkung von eigener Inhaltsleere und Konzeptionslosigkeit.“ Auf dem CDU-Parteitag habe sie viel Schlechtreden gehört, aber wenige eigene Konzepte.

Perfekte Szenerie: Die Kokerei der Zeche Zollverein ist bewusst gewählt. Foto: Wermke

Die CDU wackele bei den wichtigen Themen hin und her: Studiengebühren, Internetminister, Einstellung von neuen Polizisten. „So eine Wackel-Dackel-Truppe darf unser Land nicht regieren“, schreit sie ins Mikrofon. Weil die Partei selbst nichts Konkretes vorzuweisen habe, beschimpfen sie lieber die SPD. „Und dafür instrumentalisieren sie sogar ihre Parteichefin und Bundeskanzlerin“, findet Kraft.

Merkel habe die schlechte öffentliche Investitionsquote angeprangert. „Weiß sie etwa nicht, dass der Hauptträger von öffentlichen Investitionen die Kommunen in diesem Land sind?“, fragt Kraft. „Erinnert sie sich nicht, dass es die Regierung Rüttgers von 2005 bis 2010 war, die den Kommunen 3,5 Milliarden weggenommen oder vorenthalten hat?“ Unter ihrem Vorgänger Jürgen Rüttgers hätten 138 Kommunen unter Nothaushalt gestanden, heute seien es nur noch neun.

Aber Kraft weist auch auf ihre eigenen Erfolge hin: Die SPD habe für den ersten positiven Haushalt seit 1973 gesorgt, die Studiengebühren abgeschafft, in den vergangenen sieben Jahren rund 730 000 mehr sozialversicherungsbeschäftige Arbeitsplätze geschaffen. Da will sie ansetzen, weitermachen. „Am 14. Mai wird die SPD die stärkste Kraft sein“, ist sich Martin Schulz sicher. Hannelore Kraft werde Ministerpräsidentin bleiben. Und er sich damit weiter alle Chancen für das Kanzleramt offenhalten.

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Agenda Schulz

Martin Schulz umgarnt die SPD-Anhänger in Bielefeld mit sozialen Versprechungen – und rückt die Reformen in der Arbeitsmarktpolitik ins Zentrum. Damit nimmt die Partei endgültig Abschied von der ungeliebten Agenda 2010.

Bielefeld. SPD-Vize Thorsten Schäfer-Gümbel findet sich auf seinem Platz ein, auch Familienministerin Manuela Schwesig steht am Rande der Bühne. Doch Publikum und Kameras nehmen davon kaum Notiz. Alle warten sie hier auf den neuen Partei-Messias, auf die sozialdemokratische Erlösung, auf Kanzlerkandidat Martin Schulz.

Die Stadthalle in Bielefeld ist bis auf den letzten Platz gefüllt, 750 Anmeldungen für die Arbeitnehmerkonferenz „Arbeit in Deutschland“, in kurzer Zeit ausgebucht. „Ist doch toll, so viel Andrang“, sagt die Moderatorin. Der ehemalige Bürgermeister aus Würselen, der EU-Mann Schulz bringt der SPD eine Popularität zurück, an die sie hier nicht mehr gewöhnt sind. „Das ist ja ein Auflauf wie 1998 bei Schröder“, staunt ein Genosse.

Und dann kommt er, sieben Minuten zu spät. Alle erheben sich von den Plätzen und applaudieren, als Schulz von drei Sicherheitsleuten flankiert in die Halle kommt. Er genießt den Auftritt, winkt, schaut in die begeisterten Gesichter. Stolz sei er, bald Parteivorsitzender zu sein, erklärt er. Demütig, angesichts von Vorgängern wie August Bebel oder Willy Brandt.

Schulz streichelt fleißig die sozialdemokratische Seele. Hinter ihm auf der Bühne steht ein Gerüst mit Putzeimer, Feuerwehr-Uniform, Betonmischer, Postkisten. Fotos von Krankenschwestern sind zu sehen, einer Friseurin, einem schwarzen Koch. Milieus, in die sich Schulz nach Jahren in der Brüsseler EU-Glocke in den vergangenen drei Wochen aufgemacht hat. Der Großverdiener Schulz will sich als Anwalt der kleinen Leute inszenieren, der hart arbeitenden Schicht, der verlorenen Mitte.

Kandidat Schulz: In Bielefeld streichelt er die sozialdemokratische Seele.
Foto: Wermke

„Ich rede unser Land nicht schlecht“, meint Schulz. Vieles sei gut und funktioniere wunderbar. „Aber das Erfolgsmodell hat Risse bekommen.“ Seit den 90er-Jahren habe sich die Ordnung auf dem Arbeitsmarkt grundlegend verändert.

Ohne sie beim Namen zu nennen, kassiert Schulz damit Teile der Agenda 2010, dieses bei vielen Sozis verhassten Reformpakets unter Kanzler Gerhard Schröder: „Auch wir haben Fehler gemacht“, sagt Schulz. „Fehler zu machen ist nicht ehrenrührig.“ Wichtig sei: „Wenn Fehler erkannt werden, müssen sie korrigiert werden. Wir haben sie erkannt.“

Der Mindestlohn sei schon eine Konsequenz daraus gewesen. Aber es müsse noch viel weiter gehen: „Das Recht auf Teilzeit müssen wir ergänzen, damit die Rückkehr auf den alten Arbeitsplatz garantiert ist“, betont Schulz. „Wir werden auch die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverhältnissen abschaffen.“ Tosender Applaus. Arbeitnehmer müssten auch besser abgesichert werden, schon aus „Respekt vor der Lebensleistung der Menschen“. Schulz fordert einen Kulturwandel in der Arbeitszeitpolitik. Den Menschen sollte mehr selbstbestimmte Arbeitszeit ermöglicht werden, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Bildung will er gebührenfrei machen, von der Kita bis zur Universität, die duale Ausbildung aufwerten.

Allianz mit den Gewerkschaften

Schulz rückt die Arbeitsmarktpolitik und die Gerechtigkeitsfrage ins Zentrum seines Wahlkampfs – und umgarnt damit auch die Arbeitnehmervertreter, die scharenweise im Bielefelder Publikum sitzen. Er spricht von einer „gemeinsamen Allianz zwischen der SPD und den deutschen Gewerkschaften“, um die Probleme im Land anzugehen.

Wahlkampftermin in Duisburg-Marxloh: Die kleinen Termine in der Provinz fallen ihm leichter.
Foto: Wermke

Mitbestimmung sei ein Zukunftsmodell. Leider hätten die Leute in vielen Chefetagen das noch nicht begriffen. „Wenn ich höre, mit welchen ekelhaften Methoden ganze Anwaltskanzleien beschäftigt werden, gegen Betriebsräte und Gewerkschafter vorzugehen – das hätte ich in Deutschland im 21. Jahrhundert nicht für möglich gehalten“, erklärt Schulz. Er fordert einen besonderen Kündigungsschutz für Initiatoren einer Betriebsratswahl. „Die Störung von Betriebsratsarbeit ist kein Kavaliersdelikt.“

Vollkommen frei hält der gestandene Rhetoriker seine Rede heute nicht. Oft muss er auf seine Zettel schauen, hält sich fast die ganze Zeit am Rednerpult fest. Immer wieder lässt er seine Worte nachhallen, schaut dann in die Halle, befeuchtet seine Lippen. Die kleinen Auftritte in der Provinz gingen ihm deutlich leichter von der Hand. Seit drei Wochen ist er unterwegs, tourt durch die ganze Republik.

Er habe viel dazugelernt, sagt Schulz. Was er nicht im Blick hatte: Die Lebenswirklichkeit vieler Deutscher. „Viele Paare sind Mitte 40, beide berufstätig, haben die Kinder noch im Haus – und müssen schon anfangen, ihre Eltern zu betreuen.“ Familien, die diese Doppelbelastung tragen und einen „großen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten“, dürften nicht psychisch, physisch und finanziell in die Knie gezwungen werden. „Wenn unser Land Haushaltsüberschüsse erwirtschaftet in Milliardenhöhe, dann möchte ich nicht, dass dieses Geld für Steuergeschenke für hohe Einkommen verwendet wird – sondern dass sie investiert werden in die Entlastung von genau diesen Menschen.“

Lobeshymnen auf seine Parteikollegen

Auch die Herausforderungen der Digitalisierung spart Schulz nicht aus: „Die zunehmende Entgrenzung zwischen Privat- und Arbeitsleben lehnen wir kategorisch ab“, sagt er – und verweist auf Konzerne, die schon heute am Wochenende die Mobilgeräte ihrer Belegschaft abschalten. „Wir wollen aber auch, dass die Kombination von Maschine und Mensch nicht nur zur Effizienzsteigerung führt, sondern auch zu kürzeren Arbeitszeiten.“ Die Gewinnmaximierung müsse am Ende allen Mitarbeitern durch Tarifverträge zugutekommen.

Croissants bei der SPD in Bielefeld: Erst das Kleingedruckte lesen, dann essen.
Foto: Wermke

Lobeshymnen singt Schulz zuhauf an diesem Vormittag: auf den designierten Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier („Ich kenne keinen besseren für dieses Amt“), Arbeitsministerin Andrea Nahles („Tolle Arbeit leistet sie“), Familienministerin Manuela Schwesig („Großer Dank für ihre exzellente Arbeit“), Hannelore Kraft („Sie hat Großartiges in NRW geleistet“).

Auch für seinen Kanzlerkandidaten-Macher, für Noch-Parteichef Sigmar Gabriel, hat er warme Worte: Es sei ein in der „Parteigeschichte der Bundesrepublik einmaliges Vorgehen“, dass ein amtierender Parteivorsitzender und Vizekanzler seine eigenen persönlichen Ambitionen zurück- und sie in den Dienst der Partei stelle. „Das ist eine große charakterliche Leistung“, lobt Schulz.

Den Namen Angela Merkel vermeidet er. Wenn Schulz die politische Konkurrenz erwähnt, spricht er nur von „der Union“, die in vielen politischen Fragen blockiere und mauere. Gerade beim Thema Grundsicherung im Alter zeige sich, „wie weit weg die Konservativen von den wahren Nöten der Menschen entfernt sind.“ Klare Worte findet er auch für Horst Seehofer: Es habe ihn schon irritiert, dass der CSU-Chef Donald Trump für seine besondere Tatkraft lobe. „Oder dass die CSULeute wie Victor Orban hofiert.“ Die Union sei gut beraten, sich auf die richtige Seite zu stellen.

Die Rechtspopulisten, jenseits und diesseits des Atlantiks, wollten nur die Angst vertiefen, statt sie abzubauen. „Wir verteidigen die Demokratie gegen die Hassprediger von Extremen“, betont Schulz. Auch die Medien nimmt er in Schutz. „Wer die freie Berichterstattung einschränkt, das kritische Hinterfragen der Positionen, wer sie als Lügenpresse bezeichnet – der legt die Axt an die Grundlagen der Demokratie.“

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Das Krankenhaus der Trauer

Unter den Toten und Verletzten des Anschlags von Nizza sind viele Kinder. Im nahegelegenen Krankenhaus Lenval kämpfen die Ärzte noch immer um fünf kleine Leben. Erlebnisse an einem bedrückenden Ort.

Nizza. Mit Taschen voller Kleidung und Sorgenfalten im Gesicht laufen Eltern die kleine Treppe zum Eingang hoch. Es ist Samstagmorgen, kurz nach 7 Uhr. Ein Mann vom Sicherheitsdienst steht vor dem Krankenhaus Lenval, einem weißen Betonklotz mit blau-violetten Fensterscheiben. Er hält jeden kurz an, durchsucht die Rucksäcke und Koffer. Reine Vorsichtsmaßnahme, sagt er. „Protégeons nos enfants!“ steht draußen am Eingang: „Beschützt unsere Kinder!“ Das Schild soll nur auf das Rauchverbot hinweisen.

Es passt aber auch zur Tragik dieses Ortes. Direkt an diesem Kinderhospital fuhr Donnerstagabend der Attentäter mit seinem Lastwagen vorbei. Die Rückseite des Gebäudes grenzt an die Promenade des Anglais, Nizzas im Herzen getroffene Flaniermeile.

Mehr als 50 Kinder wurden hier eingeliefert. Die Eltern kamen mit ihren Kindern auf dem Arm in die Notaufnahme gerannt, erzählt ein Mitarbeiter, der Nachtschicht hatte. Er stand oben auf dem Helikopterlandeplatz, als es passierte. Erst habe er noch ein Foto gemacht von dem Lkw, Sekunden später begann der Albtraum. „Ich sah, wie Menschen einfach umgefahren wurden“, sagt er und verzieht das müde Gesicht. „Ich frage mich, wie ein Mensch zu so etwas fähig ist.“

Er kann es immer noch nicht begreifen, es sei so surreal. Direkt vor dem Krankenhaus lagen zwei Tote, dazu viele Verletzte. „Ich habe eine Schwangere betreut, die weinend zu uns kam“, berichtet er. Sie sei gestürzt, als sie versuchte, vor dem Laster zu flüchten. „Sie klagte über Schmerzen im Bauch.“ Baby und Mutter seien wieder wohlauf. „Aber die Frau wird ihr Leben lang traumatisiert sein von diesem Erlebnis“, glaubt der junge Mann.

Verschwundenes Kind: Seit dem Anschlag sucht Tarel Mesri seinen Sohn Kylal. Foto:Wermke

Zwei Kinder sind bereits im Krankenhaus gestorben. Noch immer sind 30 Jungen und Mädchen auf der Station. Fünf schweben weiterhin in Lebensgefahr, erklärt Stéphanie Simpson, die Sprecherin des Krankenhauses. Ein acht Jahre alter Junge sei zudem noch immer nicht identifiziert. Er komme möglicherweise aus Rumänien, bisher seien keine Angehörigen aufgetaucht.

Tarel Mesri hingegen ist seit der unfassbaren Tat immer wieder hier gewesen. Der 39-Jährige hat seine Frau bei dem Anschlag verloren. Sie sei direkt vom Lkw erfasst worden. „Neben ihr lag der Rucksack meines Sohns auf dem Boden“, sagt er. „Seitdem habe ich Kylal nicht mehr gesehen.“ Tränen schießen in seine müden Augen.

Seit Donnerstagmorgen ist er wach, mehr als 48 Stunden. Sein Sohn ist gerade einmal vier Jahre alt, er zeigt das kleine Passbild: Ein süßer Junge, volles dunkles Haar, breite Lippen, auf dem Foto lächelt er. „Wie kann ein Kind einfach so verschwinden?“, schreit sein Vater ungläubig und schlägt sich mehrmals stark gegen den Kopf.

Er war überall: in den Krankenhäusern, bei den Leichen auf der Promenade, bei der Anlaufstelle für Angehörige. Von Kylal keine Spur. „Ich wüsste lieber, dass er tot ist, als dass ich nie erfahre, was mit ihm passiert ist“, sagt Mesri. Dann winkt er ab, läuft wieder weg, Freunde müssen ihn stützen.

Aus dem Krankenhaus kommen jetzt Abdellah Kerdon und sein Sohn. Tara, neun Jahre alt, war mit seinen Eltern auf der Promenade, als der Anschlag passierte. Er hat alles gesehen, aus nächster Nähe. „Er hat kaum geschlafen heute Nacht“, sagt sein Vater. „Immer wieder hat er mich gefragt: Warum, warum?“ Um ihn zu beruhigen, spricht sein Vater von einem schlimmen Unfall, der Fahrer habe wohl Alkohol getrunken. Ihm die Wahrheit zu erzählen, bringt er nicht übers Herz. „Ich kann es nicht, er würde es nicht verstehen“, sagt der Italiener mit marokkanischen Wurzeln. Im Krankenhaus hat Tara mit einem Psychologen gesprochen. „Ich hoffe, dass wird ihm helfen für heute Nacht.“

Keine Freigabe: Eine Nacht nach dem Anschlag ist die Promenade des Anglais noch gesperrt. Foto: Wermke

Aus der Nachtschicht kommt gerade ein Arzt, er will nach Hause fahren. „Der Anschlag vom Bataclan in Paris kam mir so weit weg vor“, sagt er. Selbst, als er und seine Kollegen im Vorfeld der Fußball-EM, vor gerade einmal zwei Monaten, an einer Sicherheitsübung teilnehmen mussten, sei das sehr abstrakt gewesen. „Jetzt wissen wir: Es kann wirklich passieren.“ Seine Gewohnheiten, sein Leben will er trotzdem nicht ändern. „Man muss weitermachen“, sagt er und verschwindet in Richtung Tiefgarage.

Weitermachen. Das versucht Nizza auch an diesem zweiten Tag nach dem Anschlag. Schon am Morgen füllt sich die Promenade, wo mehr als 80 Menschen den Tod fanden, wieder mit Leben. Jogger und Fahrradfahrer trotzen der Sonne, Cafés und Restaurants haben ihre Stühle und Tische wieder auf die Straße gestellt. Die Polizei hat die Fahrstreifen stadtauswärts freigegeben. Stadteinwärts, auf der Seite der Lastwagen-Attacke, sind die Aufräumarbeiten noch im Gange. Wagen mit Kränen transportieren Zäune ab, die Straße wird mit Wasser gesäubert. Der von Einschusslöchern durchsiebte Lkw ist längst weg, die Leichen auch, genauso die weißen Plastikplanen, mit denen der Tatort von Blicken abgeschirmt war.

Auf der gesamten Länge der Straße liegen Blumensträuße auf dem Bürgersteig, dazu Plüschtiere, Kerzen, kleine Zettel mit Botschaften: „Vive la France“, „Wir stehen zusammen“, „Je suis Nice“. Die Promenade wird für immer eine Narbe tragen, die Stadt für immer mit dem Anschlag in Verbindung stehen. Aber die Menschen versuchen nach vorne zu schauen. Später am Tag füllen sich die Strände, Kinder planschen im Wasser, lachen, spielen. Ein paar von ihnen haben sich die Tricolore auf Wangen und Arme gemalt. Nur ein graues Militärboot, das vor der Küste patrouilliert, erinnert daran, dass die Welt hier aus den Fugen geraten ist.

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Terror im Herzen der Côte d’Azur

Der Terror ist auch im französischen Urlaubsparadies angekommen. Touristen wie Einheimische in Nizza sind zutiefst geschockt und versuchen, das Unbegreifliche zu verarbeiten. Eindrücke aus einer verängstigten Stadt.

Nizza. „Der Wind kommt leicht aus Südwest“, sagt der Kapitän auf dem Flug von Düsseldorf kurz vor der Landung. „Ansonsten ist das Wetter schön, in Nizza erwartet Sie der Sommer.“ Aus dem Fenster in ein paar hundert Metern Höhe sieht die Bucht malerisch aus. Der Himmel ist wolkenfrei, große Yachten schieben sich durch die Wellen. Am Boden aber ist Nizza im Ausnahmezustand.

Die Stadt gleicht einem Hochsicherheitstrakt an diesem Freitag. Auch am frühen Abend ist die Promenade des Anglais noch immer kilometerweit abgeriegelt. Die Kreuzungen sind mit Metallgittern abgesperrt, unter den Palmen stehen Polizeiautos, Beamte mit Gewehren im Anschlag lassen nur Helfer und Anwohner passieren.

Plastikflaschen liegen überall herum, zersplittertes Glas, benutzte Gummihandschuhe, ein blaues Leihfahrrad liegt auf dem Boden. Eine goldschimmernde Kühldecke wirbelt durch die Luft, an einem Stück Kantstein klebt noch Blut. Der Lkw, mit dem ein 31-Jähriger am Donnerstagabend hier in die feiernde Menge fuhr und mindestens 84 Menschen tötete, ist nur aus weiter Ferne zu erkennen. Die Polizei hat ihm komplett mit Gittern umstellt, weiße Plastikplanen versperren den Blick.

Medieninvasion in Nizza: Übertragungswagen aus der ganzen Welt. Foto: Wermke

Nur einige hundert Meter entfernt haben die Fernsehsender ihre Übertragungswagen vorgefahren. Es sind mehr als 50, Journalisten aus ganz Europa sind schon da, aber auch aus den USA, Russland, Dubai. Auf einem Grünstreifen, direkt am Absperrband, legen die Menschen Blumen ab: Rosen und Orchideen mit kleinen Frankreichfähnchen, dazu Stofftiere. Viele von ihnen beten, zünden Kerzen an, liegen sich in den Armen. Einige brechen in Tränen aus. Ein Mann im Frankreichtrikot und mit großer Tricolore steht schweigend auf dem Platz.

Etwas abseits der Menge steht eine Familie aus Kanada. Die Whitings sind hier, um irgendwie zu begreifen, was ihnen am Abend zuvor passiert ist. „Wir haben in einem Café an der Promenade zu Abend gegessen“, sagt Geoff, der Vater. „Wir haben gerade auf die Rechnung gewartet. Da kam plötzlich dieser Lastwagen an uns vorbeigerast.“ Sie hörten Schreie und Schüsse, sofort sind sie in ihr Apartment über dem Café geflüchtet. „Wir haben von oben runtergeschaut und überall Körperteile gesehen“, sagt Mutter Tanya.

Sie sind immer noch geschockt, auch die beiden Kinder. „Ich bin einfach nur tieftraurig“, sagt Maddy, 19 Jahre alt, und kämpft mit den Tränen. „Ich fühle mich nicht mehr sicher“, sagt ihr 16-jähriger Bruder Ben. Ihre Eltern waren schon vor 25 Jahren in Nizza, wollten ihren Kindern die Stadt zeigen. Frankreich, das war für sie immer ein Sehnsuchtsort. Bis zu diesem Abend. „Nun fühlt es sich an, wie vom Blitz getroffen worden zu sein“, sagt Geoff.

Terror, er wirkt so abstrakt, so weit weg. Bis er genau neben einem zuschlägt. Zahlen und Statistiken, sie gelten für die Menschen in Nizza nicht mehr. Die Unsicherheit ist groß, die Angst, die Hilflosigkeit. Dieses Gefühl, dass es jeden zu jeder Zeit treffen kann. Auch Christian Schulze und Diana Tuppack aus Berlin versuchen zu verarbeiten, was hier passiert ist. Die beiden stehen vor dem Blumenmeer auf der Promenade. Eigentlich sind sie hier im Urlaub, seit Sonntag erkunden sie die Gegend um Nizza, waren in St. Tropez, in Monaco. Am Nationalfeiertag fanden sie sich mitten im Terror wieder.

Platz der Trauer: Unter einer Palme legen die Menschen Blumen und Stofftiere ab. Foto: Wermke

Wie Tausende andere Einheimische und Touristen schauten sie sich das Feuerwerk direkt von der Promenade aus an. „Wir haben gerade vor einer DJ-Bühne getanzt, als wir die Schüsse hörten“, erzählt Schulze. Erst dachten sie, das gehöre noch zum Feuerwerk dazu. Doch dann sahen sie all die Leute schreien und panisch auf sie zu rennen. „Wir sind dann einfach mitgerannt, weg von den Schüssen“, sagt Schulze. Niemand konnte ihnen sagen, was los war. Selbst die Polizisten waren aufgeregt. „Es war wie in einer Büffelherde“, erinnert sich Tuppack. „Ich wurde fast überrannt.“

Überall wurden Souvenirstände umgerissen, Postkarten, Badematten und Flip-Flops lagen auf dem Boden zerstreut. Mütter saßen am Straßenrand und beugten sich schützend über ihre Kinder, erzählen sie. Schulze und Tuppack liefen weiter Richtung Altstadt, zu ihrem Hotel. Dort haben sie erstmal die Familie benachrichtigt: „Uns geht es gut.“ Stundenlang waren sie aufgewühlt, haben noch lange Fernsehen geschaut.

Noch immer ist unfassbar, was dieser Stadt, dieser lebendigen, sonnenverwöhnten Metropole mitten am Nationalfeiertag passiert ist. In den Straßen ist es bedrückend ruhig. Die Luxus-Herbergen direkt an der Promenade haben ihre Fahnen auf Halbmast. Aber trotzdem sind viele Menschen draußen, die Restaurants und Cafés sind voll. Am öffentlichen Strand, nur wenige hundert Meter vom Anschlagsort entfernt, liegen Menschen im Sand, Kinder planschen im Meer.

Auch Camilee Adam ist hier. „Mir fehlen noch immer die Worte“, sagt die 22-Jährige und blickt auf die Wellen. Als der Anschlag passierte, brachte sie gerade einen Bekannten zum Flughafen. „Ich habe wohl einen Stern da oben am Himmel gehabt, der auf mich aufgepasst hat“, sagt sie und faltet die Hände. Als sie zurück in die Stadt fuhr, sah sie überall Polizei und Feuerwehr. „Ich dachte erst, es sei ein Unfall passiert.“ Sie lebt erst seit fünf Monaten in der Stadt, kommt ursprünglich aus Nancy im Nordosten Frankreichs. Eigentlich hätte sie auch am Freitag arbeiten müssen, in einer Reiseagentur in Monaco. Aber sie hat sich den Tag freigenommen. „Wir müssen weiterleben und stark bleiben“, meint sie. „Und das Leben in vollen Zügen genießen.“

Krasser Kontrast: Wenige hundert Meter vom Anschlagsort entfernt wird gebadet. Foto: Wermke

Sarah Mira hingegen muss heute arbeiten. Die 18-Jährige steht hinter dem Tresen eines kleinen Supermarkts in der Rue Meyerbeer, sie verkauft Obst und Getränke. Von hier, nur eine Querstraße von der Promenade entfernt, blickt man direkt auf die Absperrungen der Polizei. „Ich muss den ganzen Tag immer wieder weinen“, sagt sie und wischt sich eine Träne aus dem Auge. Sie kann die schrecklichen Bilder einfach nicht vergessen: Als sie am Morgen zur Arbeit ging, lagen noch Leichen auf der Straße.

Sie selbst habe einfach nur Glück gehabt. Sie war Donnerstagabend nur nicht auf der Straße, weil sie sich müde fühle und am nächsten Tag so früh aufstehen musste. Mira, die in Nizza Jura studiert, ist hier geboren, hat immer in der Stadt gelebt. „Ich habe mich vorher schon nicht mehr sicher gefühlt“, sagt sie. Nach den Terroranschlägen in Paris habe sie Menschenmengen gemieden. Jetzt werde es noch schlimmer werden. „Ich kann nicht mehr durch die Stadt laufen, ohne ständig daran zu denken, dass etwas passieren könnte“, sagt die junge Frau. Dann kassiert sie den nächsten Kunden. Und ruft „Bon courage“ zum Abschied. „Kopf hoch.“

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